Oslo

Veröffentlicht: 25. Juli 2011 in Rechtsextremismus

Auch zwei Tage nach dem Attentat von Oslo und Utøya hat sich der Schrecken darüber kaum gelegt. In die Trauer mischte sich zuerst die Wut über verschiedene Medien und sogenannte Terrorismusexperten, zunehmend aber auch der Versuch herauszufinden was um alles in der Welt da eigentlich passiert ist und vor allem warum.

Wie auch schon bei anderen schweren Verbrechen zuvor, stellt sich heraus, dass es auch diesem Attentäter wohl nicht zuletzt darum ging eine Botschaft zu verbreiten. Fast 100 Menschen wurden getötet, damit wir uns mit den wahnhaften Gedanken und Motiven des Herrn Breivik befassen. In einem Manifest aus mehr als 1.500 Seiten und einem Propaganda-Video von gut 12 Minuten ist festgehalten, was diesen Mann angetrieben hat.

Mich lässt hier nun speziell das Propaganda-Video nicht mehr los, seit ich es zum ersten Mal gesehen habe. Der Schock sitzt allerdings nicht deshalb so tief, weil das Video so viel menschverachtende Aufstachelung zum Hass gegenüber anderen Kulturen enthält, sondern weil ich es bereits kannte. Natürlich hatte ich das Video selbst vorher noch nie gesehen, aber dessen Inhalt. Ich rede hier auch nicht von „Ich habe schonmal jemanden Propaganda über den Islam verbreiten sehen“, sondern von Details. Szene für Szene habe ich darauf gewartet, dass etwas kommt, das ich nicht so oder so ähnlich bereits gesehen oder gelesen hatte. Das passierte allerdings nicht. Stattdessen kam es mir viel mehr wie eine Zeitreise vor.

Dafür muss ich nun ein wenig ausholen:

Mein politisches Interesse ist in meiner Jugend im Wesentlichen im Internet erblüht. Dort, wo es zuerst nur um’s Zocken ging, war schon früh auch Politik ein kleines Randthema für diejenigen, die sich eben für solche Dinge interessierten. Da es sich nicht um ein klassisches Politikforum handelte, war es glücklicherweise auch nicht von Horden von Cranks überlaufen, sondern setzte sich aus zufällig zusammengewürfelten Zockern mit verschiedenen politischen und persönlichen Hintergründen zusammen. Die Diskussionen drehten sich um verschiedenste Themen, recht abwechslungsreich, oft lang, immer wieder mal kontrovers und gelegentlich sehr detailliert und mit mehr tatsächlicher Fachkenntnis gespickt, als man es eigentlich in einem Gaming-Forum erwartet hätte. Das ging so von ca. 2000 bis dann so gegen Ende 2008 die kritische Masse an Teilnehmern so stark unterschritten wurde, dass dort kaum noch etwas diskutiert wurde.

Während dieser Zeit gab es da einen Mitdiskutanten, der immer wieder mit seiner eher rechten Gesinnung aneckte, sich in dieser Rolle aber offenbar gefiel. Es war schon reichlich dümmlich, was er so von sich gegeben hatte, aber es wurde definitiv nicht besser als er irgendwann sowas schrieb wie „Hey, schaut mal, was für eine super Seite ich gefunden habe!“ und uns mit einem Link zu „Politically Incorrect“ beglückte.

Was dann die nächsten 5 bis 6 Jahre folgte, ist die Lang-Version des jetzt herumgereichten Propaganda-Videos.

Ich fand es damals irgendwas zwischen nervig und interessant live beobachten zu können, wie sich ein Typ im Alter von ca. Achtzehn bis schließlich Mitte Zwanzig Stück für Stück radikalisiert hat. Er wurde mit der Zeit immer bemühter uns zum „Aufwachen“ zu bringen, wie er es nannte, und schaufelte in missionarischem Eifer stapelweise Stuss von PI zu uns rüber.

So lernte ich den Inhalt des Videos „Knights Templar 2083“ kennen. Alles. Szene für Szene. Bild für Bild. Text für Text.

Es beginnt damit, dass die 68er unsere Gesellschaft kontrollieren würden. Eine Demokratie seien wir nicht, weil die Rechten durch Nazi-Keulen und politische Korrektheit systematisch unterdrückt würden. Die europäischen Ethnien und Kulturen würden durch gezielte Immigration aufgeweicht, „kulturelle Bereicherung“ wird mit Kriminalität gleichgesetzt. Die EU sei wahlweise EUSSR oder Eurabien, die UN von Muslimen kontrolliert, die per Definition lügen und das „Taqiyya“ nennen würden. Diesen ganzen Quatsch haben wir lückenlos durch. Und lückenlos schließt nicht nur den Inhalt, sondern auch die verwendete Bilder, Zitate und sonstwas mit ein.

Das erste Mal wirklich geschluckt habe ich dann als im Video ein Zitat von Muammar al-Gaddafi eingeblendet wurde in dem er behauptet, dass der Islam Europa allein durch höhere Geburtenzahlen in ein paar Jahrzehnten übernehmen wird. Exakt dieses Zitat war der Auslöser eines epischen und mehr oder weniger finalen Diskussionsmarathons von Mitte 2006 bis Ende 2007. Es war der Höhepunkt der Radikalisierung, in der die paranoide Angst vor demographischen Veränderungen eine wahnhafte Realitätsverdrängung zum Vorschein brachte, die ich so noch nie zuvor gesehen hatte. Im Video wird Marseille als europäische Beispiel-Stadt herausgepickt, ich kenne das 1 zu 1 mit London. Mir wurden demographische Entwicklungen von Deutschland vorgerechnet, dass man heute noch den Abdruck der Tischkante auf meiner Stirn erahnen kann. Es werden hier wie da die gleichen Zahlen genannt, eine Stadt mit einer muslimischen Mehrheit 2010, 2050 dann ganze Länder.

Was ich nun wirklich nicht ernst nehmen konnte, war das Faible für Tempelritter, das er nach und nach entwickelte. Ein Rechtsextremer der versucht einem Geschichtsstudenten weißzumachen, dass er keine Ahnung von Charles Martel oder El Cid (denn natürlich sind auch die für mich „alte Bekannte“) hat, ist zwar recht unterhaltsam, lässt aber keine wirklich akute Bedeutung für die heutige Zeit vermuten. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich in den Aufzeichnungen von Breivik gelesen habe, dass sich wohl allen Ernstes ein Tempelorden gegründet hat, der es sich zum Ziel gesetzt hat „Verräter“ am eigenen Volk sogar umzubringen (darüber spekuliert er zumindest in seinen Aufzeichnungen)?! What the … ?

Der Gipfel des WTFigen war aber dann erreicht als am Ende des Videos auch noch genau das Bild eines Tempelritters auftaucht, dass der Herr Rechtsextreme jahrelang als Avatar in diesem Forum nutzte…

Über 6 Jahre lang wurde diesem Menschen von teilweise zig anderen Personen haarklein verklickert was an diesem ganzen Stuss so behämmert ist, warum es Unsinn ist, warum die Quellen nichts taugen, wie es tatsächlich ist, usw., usf.. Ich glaube in dieser Zeit eine Menge besonders über den Islam und über Rechtsextremismus gelernt zu haben, aber dieser Typ hat nicht das Geringste gelernt. Er hat stattdessen Jahr für Jahr mehr geblockt und immer abstruseren Quark abgesondert (und schließlich behauptet er wäre jetzt Gastautor bei PI…). Und nun sehe ich seine gesammelten Werke, komprimiert auf gut 12 Minuten, zusammengestellt von einem Massenmörder, der genau das zum Anlass genommen hat fast 100 Menschen zu töten.

Krass.

Obwohl sie sich höchstwahrscheinlich nie kannten, teilen diese beiden sich die selben Gedanken. Und sie sind nicht allein.

Das schlimmste ist: Auch Gewalt ist in der Antiislamischen Szene nicht so verpöhnt, wie sie es sich dort selbst einreden. Besonders das Buch „The Clash of Civilisations“ von Huntington hat es vielen dort sehr angetan und wenn man aufmerksam liest, fällt einem auf, dass es sich bei dieser Begeisterung vor allem um eine Sehnsucht nach diesem Clash handelt.

Womit wir es hier zu tun haben, sind knallharte Rechtsextreme, die den simplen Trick benutzen einfach alles rund um Hitler wegzulassen, um nicht mehr als rechtsextrem zu gelten. Das macht sie kein Stück besser und auch nicht weniger gefährlich, aber es reicht z.B. um den Verfassungsschutz von NRW dazu zu bringen sie nicht als Rechtsextreme anzusehen.

Seit Jahren werden hier Menschen mit monotoner Indoktrination bombardiert, zum Hass gegen bestimmte Gruppen aufgestachelt. Es werden äußere und innere Feindbilder konstruiert, mit Ausdauer aufgebaut und gepflegt. Die klassischen Abwehrmechanismen sind auf Nationalsozialisten geeicht, ihre Anwendung gegen diese Form von Rechtsextremismus wird für Opfermythen instrumentalisiert. Lieder versagen diese Mechanismen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Individuen. Wo sämtliche Alarmglocken losgehen, wenn laut „Heil“ gebrüllt wird und der Jude schuld ist, rührt sich oft gar nichts, wenn es selbstverständlich Muslime gewesen sein müssen, wenn irgendwo etwas explodiert.

Das Problem ist: Die Schutzhülle unserer Gesellschaft gegen Rechtsextremismus ist oft recht oberflächlich. Sie orientiert sich an Symbolen, Schlagworten und Personen. Ein Rassismus, der statt der Rasse die Ethnie oder statt der Religion die Kultur zur Abgrenzung heranzieht, schlüpft dabei leicht durch das Netz. So verfängt die Propaganda nicht nur bei Menschen, die es akzeptiert haben „extrem“ zu sein. Dieses Weltbild dringt stattdessen bis tief in die sogenannte gesellschaftliche Mitte vor. Ein Herr Sarrazin hat das nicht bewerkstelligt, aber doch einen kleinen Indikator über die Größenordnung des Problems gegeben. Andere Länder erhalten diesen Indikator oft in ihren Wahlen. Ich fürchte davor schützt uns bisher vor allem die Stümperhaftigkeit dieser Szene.

Ich denke wir sollten dieses Thema in Zukunft etwas ernster nehmen, bevor sich das ändert. Und ich hoffe wir sind dabei etwas erfolgreicher als ich mit dem Herrn Möchtegern-Tempelritter. Also dem aus dem Forum, nicht dem aus Oslo…

Edit:
Ich sehe gerade auf Google+ wird über eine Namensgebung genau dieser angesprochenen Problemgruppe diskutiert. Ich würde sagen der vorgeschlagene Begriff „Clasher“ trifft ins Schwarze, da er nämlich genau diejenigen aus dem großen Konglomerat herausgreift, die die Konfrontation suchen. Diese stellen die direkte Gefahr dar.

Kommentare
  1. […] letzten Artikel über das Propaganda-Video des Oslo-Attentäters habe ich mit dem Aufruf abgeschlossen dem […]

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