Die 5 Phasen der flüssigen Demokratie – The Tale goes on

Veröffentlicht: 28. März 2012 in Basisdemokratie, LQFB, Piraten

Rund 11 Monate sind inzwischen vergangen, seitdem ich in The Tale of Liquid Feedback zum ersten Mal eine Bilanz über den Betrieb von Liquid Feedback auf der Bundesebene der Piratenpartei gezogen habe. Am 13.08.2010 hatte das System seinen Betrieb aufgenommen. Damit konnte die Erfahrung aus gut 8 Monaten Systembetrieb in die Analyse einfließen. Der Text hat damals überraschend hohe Wellen geschlagen und erfreulicherweise tatsächlich eine Diskussion angestoßen. Die Diskussion sollte allerdings nicht auf diesem alten Stand stehen bleiben. Heute können wir auf insgesamt rund 19 Monate Systemlaufzeit voller interessanter Entwicklungen mit Höhen und Tiefen zurückblicken. Daher möchte ich hiermit gerne die damalige Analyse fortsetzen und auf den aktuellen Stand der Entwicklungen bringen.

Die Daten aus Liquid Feedback haben in diesem Text, soweit nicht explizit anders angegeben, den Stand des Datenbank-Dumps vom 19.03.2012, also unmittelbar vor der großen Accountsperrungswelle durch die Operation Cleanup. Außerdem ist der Themenbereich “Sandkasten” grundsätzlich von allen Statistiken ausgenommen.

Da der Text wieder mal, äh, ein wenig länger geworden ist, kommt er dieses Mal trotz fiesem Spoiler mit einem besonderen Service: einem Inhaltverzeichnis. :)

16 Monate, 5 Phasen
– Allgemeine Statistiken zu den Phasen
– Phase 1: Der Anfangshype
– Phase 2: Die Ernüchterungsphase
– Phase 3: Das untote System
– Phase 4: Der Berlin-Hype
– Phase 5: Der Post-Hype-Rückgang
– Fazit
Delegationen. Immernoch.
Hinkende Vergleiche mit Topdelegierten
Wie repräsentativ ist das Ganze eigentlich?
Nachvollziehbarkeit und Manipulationen
Geheime Abstimmungen
Ausblick

 

16 Monate, 5 Phasen

Die vergangenen 19 Monate lassen sich schön in mehrere Aktivitäts-Phasen einteilen, die sich recht stark voneinander unterscheiden.

  1. Der Anfangshype (13.08.2010 bis Anfang November 2010)
  2. Die Ernüchterungsphase (Anfang November 2010 bis Mitte April 2011)
  3. Das untote System (Mitte April 2011 bis Anfang Oktober 2011
  4. Der Berlin-Hype (Anfang Oktober 2011 bis Ende November 2011)
  5. Der Post-Hype-Rückgang (Ende November 2011 bis jetzt)

In jeder dieser Phasen traten recht unterschiedliche Effekte auf, hauptsächlich beim Delegationssystem. The Tale of Liquid Feedback geht dabei detailliert auf die Situation während der Ernüchterungsphase ein. In dieser Phase spielten besonders Delegationskonzentrationen eine große Rolle. Dort kann auch nachgelesen werden, wie solche Konzentrationen zustande kommen und in welchem Ausmaß sie sich zu dem Zeitpunkt ausgewirkt haben. In diesem Beitrag hier möchte ich nun darauf eingehen, wie sich das System dann weiter entwickelt hat.
 

Allgemeine Statistiken zu den Phasen

Zur Einstimmung ein paar harte Fakten über die jeweiligen Phasen. Um diese detailliert auflisten zu können, müssen klare Grenzen der verschiedenen Phasen gezogen werden. Ich trenne die Phasen hier nach dem Abstimmungsende bestimmter Themen.

1. Der Anfangshype: Thema 19 bis 493
2. Die Ernüchterungsphase: Thema 458 bis 694
3. Das untote System: Thema 727 bis 776
4. Der Berlin-Hype: Thema 780 bis 787
5. Der Post-Hype-Rückgang: Thema 942 bis 1259

Die folgende Grafik zeigt die zeitliche Länge der 5 Phasen, die durchschnittliche Beteiligung an den Abstimmungen in den 5 Phasen und die durchschnittlich verfallenen Delegationen in jeder Phase. Außerdem das durchschnittliche Stimmgewicht des jeweiligen Topdelegierten jeder Abstimmung (orange), sowie das durchschnittliche Stimmgewicht des jeweils ersten und zweiten Topdelegierten jeder Abstimmung zusammen (gelb). Die rote Linie stellt die Entwicklung der Accounts des Systems im Laufe jeder Phase dar, allerdings nur den Start- und Endwert, nicht die tagesgenaue Entwicklung. Die Skala auf der rechten Seite bezieht sich ausschließlich auf die Accounts und ist jeweils das zehnfache der linken Skala.

Ergänzend dazu hier die Anzahl der zuende gegangenen Themen pro Woche. Die blaue Linie zeigt dabei wieviele Themen in der jeweiligen Woche abgestimmt wurden, die rote Linie zeigt wieviele insgesamt zuende gegangen sind, also abgestimmte Themen und Themen, die ohne Abstimmung beendet wurden.

Die Spitzen am Anfang haben mit der unterschiedlich langen Dauer der verschiedenen Regelwerke zu tun. Ein normales Meinungsbild braucht gut einen Monat, bis die Abstimmung beendet ist. Ein Programm- oder Satzungsantrag braucht gut 2 Monate, bis er alle Phasen des Regelwerks durchlaufen hat. Die beiden ersten Spitzen sind daher auch Anträge mit entsprechenden Regelwerken, die sehr bald nach dem Start des Systems eingestellt wurden. Die dritte, etwas kleinere Spitze sind aufgelaufene Themen, die vorzeitig eingefroren wurden, um rechtzeitig zum Bundesparteitag in Chemnitz fertig abgestimmt zu sein. Die große Spitze Ende 2011 besteht ebenfalls zum Großteil aus vorzeitig eingefrorenen Themen für den Bundesparteitag in Offenbach.
 

Phase 1: Der Anfangshype

Mit der dritten Spitze endet dann auch die erste Phase, der Anfangshype. Es wurden hier sehr viele Initiativen ins System eingestellt, die sich bis zu seinem Start eben angesammelt hatten. Die Delegationen wurden bereits recht stark genutzt, machten im Schnitt aber etwas weniger aus, als eigene Abstimmungen. Auto-Ablehnen hat zu diesem Zeitpunkt noch keine große Rolle gespielt.
 

Phase 2: Die Ernüchterungsphase

In der zweiten Phase gab es dann einen deutlichen Rückgang, sowohl an gestarteten Themen als auch bei der Beteiligung an den Abstimmungen. Trotz über 3.500 Accounts haben an den Abstimmungen im Schnitt nur noch gut 100 Leute selbst teilgenommen. Deutlich wird dabei welche Auswirkungen das auf die Delegationen, Delegationskonzentrationen und das Auto-Ablehnen hat.

Die Anzahl an vergebenen Delegationen war bis zum Ende der dritten Phase, also bis Neumitglieder in großer Zahl dazugekommen sind, nahezu konstant. Dadurch, dass weniger Benutzer selbst abstimmen, verfallen einerseits recht viele Delegationen (die deswegen allerdings nur in sehr wenigen Fällen auf aktivere Empfänger geändert wurden), andererseits werden aber auch weniger Delegationen durch eigene Abstimmungen außer Kraft gesetzt. Die zweite Phase hat daher absolut gesehen nur minimal weniger Delegationen als die erste, sie machen aber einen wesentlich höheren Anteil an den Abstimmungen aus. Dadurch, dass dabei Delegationsketten seltener durchbrochen werden, nimmt auch die Konzentration der Delegationen auf wenige Personen automatisch zu. Die ersten beiden Topdelegierten zusammen kommen dabei im Durchschnitt (!) schon auf fast 100 Delegationen, fast soviele wie überhaupt Personen aktiv abgestimmt haben. Bedenklich ist dabei, dass diese Entwicklung nicht einfach durch die Delegationsentscheidungen der Benutzer entstanden ist, sondern eher durch den Rückgang der generellen Aktivität, also durch steigendes Desinteresse.

Hier zeigt sich auch der Nachteil der Vermischung direkter und repräsentativer Demokratie. Liquid Democracy wirft dabei den Grundsatz über Bord, dass jeder Teilnehmer bei den Abstimmungen das gleiche Stimmgewicht haben soll. Stattdessen wird über das Delegationssystem bestimmt wessen Stimme wieviel Stimmgewicht hat. Diese Eigenschaft kommt weder aus dem direktdemokratischen noch aus dem repräsentativen Element, sondern entsteht in Liquid Democracy überhaupt erst. Wenn man so etwas zulässt, muss man schon sehr darauf achten durch welche Prozesse und Mechanismen die unterschiedlichen Stimmgewichte und ihr jeweiliges Ausmaß zustandekommen. Ich habe in The Tale of Liquid Feedback bereits die Intransparenz kritisiert, die es den Teilnehmern des Systems sehr schwer macht diese Prozesse und Mechanismen erfassen, verstehen und damit überhaupt erst beherrschen zu können. Zusätzlich zur Komplexität und Unübersichtlichkeit der Verteilung und Auswirkung der Delegationen kommt aber eben noch der Effekt hinzu, dass sich die generelle Aktivität direkt auf die Verteilung der Delegationen auswirkt. Die Idee z.B. große Kompetenz in Delegationsmacht abzubilden kann so wohl eher nicht sinnvoll umgesetzt werden. Dazu ist die tatsächliche Delegationsmacht zu sehr von Faktoren abhängig, die nichts mit Kompetenz zu tun haben, sondern mit Aktivität.

Ebenfalls verstärkt wird der Einfluss der Auto-Ablehner. Dadurch, dass Nutzer dieser Funktion, die vorher aktiv waren, inaktiv werden, steigt die absolute Zahl der Auto-Ablehner. Im Gegensatz zu den Delegationen können Auto-Ablehnungen aber nicht verfallen, wenn keiner der potenziellen Delegierten mehr abstimmt. Der Anteil an Auto-Ablehnungen hat in der Ernüchterungsphase bereits über 14% im Durchschnitt ausgemacht. Dabei ist auch zu beachten, dass der Anteil an den relevanten Stimmen noch höher liegt, da sich (aktive) Enthaltungen nicht auf das Ergebnis auswirken. Wenn man dann noch bedenkt, dass einige Themen eine 2/3-Mehrheit benötigen, also ab 34% Ablehnung in die Tonne getreten werden, sieht man, dass 14%+x im Durchschnitt bereits enorm viel ist. Von der Verzerrung der Ergebnisse in der Außenwirkung mal ganz zu schweigen.

Die Situation gegen Ende der zweiten Phase ist die Grundlage des Blogpostings The Tale of Liquid Feedback gewesen und kann dort genauer nachgelesen werden. Dort können auch einige Grafiken über das Zustandekommen großer Delegationskonzentrationen abgerufen werden.
 

Phase 3: Das untote System

Der in The Tale of Liquid Feedback beschriebene Zustand war allerdings noch lange nicht der Tiefpunkt des Systems. In der dritten Phase war das System quasi untot. In knapp einem halben Jahr wurden gerade mal 28 Abstimmungen durchgeführt, mit einer durchschnittlichen aktiven Beteiligung von rund 60 Personen. Dabei zeigt sich auch sehr deutlich der Unterschied bei den Effekten, die die Aktivität auf die Delegationen und auf das Auto-Ablehnen hat.

Die Delegationen hatten in der dritten Phase über doppelt so viel Anteil an den Abstimmungsergebnissen, wie die selbst abgegebenen Stimmen, absolut gesehen sind sie allerdings deutlich zurückgegangen. An dem enormen Anteil der verfallenen Delegationen zeigt sich dabei, dass eine Vertretung halb- oder inaktiver Benutzer durch Delegierte auch nur dann funktionieren kann, wenn diese sich wenigstens ein klein wenig um ihre Delegationen kümmern, was die meisten aber offensichtlich nicht tun. Beteiligung ohne Aufwand ist eine Illusion, ein Versprechen, das kein System der Welt einhalten kann. Den einzigen Effekt, den das hat, ist dass die wenigen verbliebenen Benutzer mit ihren Delegation tun und lassen können, was sie wollen, sofern sie denn welche haben. Die Konzentration der Delegationen auf die Topdelegierte ist in dieser Phase im Durchschnitt wieder gesunken, was aber daran liegt, dass häufig selbst von den Topdelegierten niemand mehr an den Abstimmungen teilgenommen hat. Das zieht dann den Durchschnitt dann nach unten. Trotzdem konnten die Topdelegierten ganz besonders in dieser Phase die Ergebnisse nach Lust und Laune und weitestgehend unkontrolliert bestimmen, wenn sie denn überhaupt wollten. Meinungsbilder der Parteibasis sehen anders aus.

Besonders bedenklich ist dabei ein Effekt, der sich in unterschiedlich starker Ausprägung durch alle Phasen zieht: Die künstlich durch inaktive Accounts hochgehaltenen Zulassungsquoren sind für Benutzer ohne Delegationen generell schwer zu reißen. Man muss schon ein Thema haben, das sehr unter den Nägeln brennt, oder einen enormen Werbeaufwand treiben (falls man das denn kann), um genügend Personen für die Quoren zusammen zu bekommen. Die Topdelegierten müssen diesen Aufwand generell nicht treiben und können so nach belieben Agenda-Setting im System betreiben. Besonders während der untoten Phase des Systems war quasi alles von den Topdelegierten abhängig, aber auch in den anderen Phasen, besonders der zweiten und der fünften (also jetzt!), tritt dieser Effekt auf. Für Themen, die sowieso auf großes Interesse stoßen, sind die Quoren noch einigermaßen machbar, aber alles was ein wenig komplexer ist, also viel Text hat, gerade nicht so sehr im Fokus der Partei steht, irgendwelche Spezialwünsche, oder Themen, die nicht sonderlich beliebt sind, ist sehr stark von den Topdelegierten abhängig. Sie selbst können Das System mit solchen Themen aber fluten so viel sie wollen. So kommt es, dass wir jetzt gerade zwar trotz nur 13 bis 23 direkten Unterstützern (nach allen Phasen im System, nicht nur der Neu-Phase) irgendwelche Satt-Haber-Demos, Parkgebühren, unseren alten Kumpel Julius Gumbel, sowie Syrer, Brasilianer, Friede und Freude und überhaupt im System behandeln, nicht aber Kommunikationsfreiheit, Ehrensolde, Trennung von Amt und Mandat, Parteisponsoring, IP-Speicherung auf unserer Homepage, oder so unwichtige Dinge wie Hürden für Vorstandskandidaturen mit 31 bis 47 direkten Unterstützern allein in der Neu-Phase. Diese Sachen wurden wohlgemerkt nicht abgelehnt, sondern im Spam- & Schrott-Filter aussortiert, da sie schlichtweg von den falschen 31 bis 47 Unterstützern unterstützt wurden. In der dritten Phase der Aktivitätsentwicklung war dieser Effekt am stärksten.

Noch drastischer war in der dritten Phase der Einfluss des Auto-Ablehnens. Da dieses, wie bereits erwähnt, auch bei sehr großer Inaktivität nicht verfällt, sondern nur noch mehr anwächst, hat es in dieser Phase bereits über 20% im Durchschnitt ausgemacht. Wie ebenfalls bereits erwähnt sind das 20% von allen Teilnehmern an den Abstimmungen, auch denen, die sich enthalten haben und für das Ergebnis nicht relevant waren. In Kombination mit den Delegationskonzentrationen hat das bewirkt, dass in vielen Abstimmungen einzelne quasi ein Veto-Recht für die Abstimmungen hatten, denn sie müssen ja nur noch so viel Stimmgewicht auf die Waage bringen, wie zu den Auto-Ablehnern noch fehlt. In dieser Grafik kann abgelesen werden, wie oft es der Fall war, dass einzelne oder wenige Personen zusammen ein Quasi-Veto-Recht in den Abstimmungen hatten. Die dritte Phase ist dort im Bereich der 400. Abstimmung. Von den 28 Abstimmungen der dritten Phase hatte 17 mal eine einzelne Person ein Quasi-Veto-Recht, aber wie man sehen kann, war es auch in der zweiten und der fünften Phase nicht unüblich, dass einzelne Personen alle Initiativen des Themas auch gegen die Stimmen aller anderen Teilnehmer ablehnen konnten. In der dritten Grafik hier kann man das Anwachsen des Auto-Ablehner-Anteils auf bis zu 40% im Bereich der dritten Phase (also um die 400. Abstimmung herum) gut erkennen.
 

Phase 4: Der Berlin-Hype

Die vierte Phase während des Berlin-Hypes beginnt schon kurz vor dem eigentlichen Hype mit der Abstimmung über die neue Benutzeroberfläche von Liquid Feedback selbst. Mit 181 aktiven Teilnehmern und 114 Delegationen (und 6+3 Auto-Ablehnern) war das zwar zuerst noch ein Anstieg auf sehr niedrigem Niveau, aber bereits kurz darauf hatte Liquid Feedback im Zuge der Berlin-Wahl dann eine enorme Medienpräsenz. Nach fast einem Jahr der auf ganzer Linie enttäuschenden zweiten und dritten Phase galt Liquid Feedback plötzlich als unser politisches Betriebssystem und Revolution der Basisdemokratie. Nun gut, wenn ihr meint… Aber es möge sich bitte kein Neumitglied bei mir beschweren, wenn es hier nicht das antrifft, was ihm da im Fernsehen oder bis heute in verschiedenen Presseartikeln erzählt wird. Weil ich sage dann ich hab’s ja gleich gesagt. ;)

Trotz allem gelang es mit Hilfe des enormen Neumitgliederansturms einen zweiten Hype auch in Liquid Feedback zu generieren. Zufällig traf dieser auch ungefähr mit den Vorbereitungen des nächsten Programmparteitags in Offenbach zusammen. Dadurch ergeben sich einige Parallelen zum ersten Hype, allerdings gibt es auch ein paar relevante Unterschiede.

Zuerst einmal haben im Schnitt ca. 350 Personen direkt an den Abstimmungen teilgenommen, lässt man die Themen am Anfang der Phase, als die Beteiligung erst langsam wieder anstieg, weg, liegt der Durchschnitt sogar noch etwas höher. Mit 944 direkten Teilnehmern in einer Abstimmung über die Trennung von Stadt (sic) und Kirche wurde hier auch der einsame Rekord aufgestellt. Insgesamt gab es im System noch 3 Abstimmungen mit 622 bis 668 direkten Teilnehmern, 3 mit 531 bis 576 direkten Teilnehmern, sonst bis maximal 477 Personen, die selbst abgestimmt haben.

Die Anzahl an Delegierenden und Auto-Ablehnern lag zwischen denen der 1. und 2. Phase. Dadurch, dass deutlich mehr Personen direkt abgestimmt haben, war ihre Bedeutung allerdings insgesamt geringer. Interessant ist dabei, dass die Beteiligung der ca. 3900 Accounts, die vor dem Neumitgliederansturm bereits im System vorhanden waren, etwas niedriger geblieben ist, als in der ersten Hype-Phase, obwohl es dort noch etwa 500 Accounts weniger gab. Die Steigerung der direkt abstimmenden Personen im Vergleich zum ersten Hype ist also nur durch die Neumitglieder zustandegekommen. Die Anzahl der verfallenen Delegationen war daher auch in etwa gleich wie in der Ernüchterungsphase, also nachdem der erste Hype vorbei war.

Ähnlich wie im ersten Hype wurde das System auch hier wieder mit neuen Initiativen geflutet, zuerst mit Initiativen wiedererwachter Altmitglieder und Initiativen für den kommenden Bundesparteitag, dann auch mit den Ideen und Vorstellungen der Neumitglieder. Die blose Masse an parallelen Themen hat auch hier wieder dazu geführt, dass sich relativ wenig um die Initiativen in der Neu-Phase, also vor dem ersten Quorum, gekümmert wurde. Eine zu große Menge an Texten hat hier einen ähnlichen Effekt, wie eine generell niedrige Aktivität: Wenige Personen unterstützen die neuen Initiativen und für ihre Zulassung sind letztlich die Delegationen häufig ausschlaggebend. Insgesamt hatten von den 870 bisher zugelassenen Initiativen nur 215 Initiativen genügend direkte Unterstützer, um auch ohne Delegationen das Quorum zu nehmen. Davon wurden rund 150 in den ersten beiden Wochen des Systembetriebs, also in der ersten Phase, erstellt. Von den etwa 590 zugelassenen Initiativen, die später als 2 Wochen nach dem Systemstart eingestellt wurden, waren ca. 525 von Delegationen abhängig, viele davon letztenendes von der Gunst eines oder weniger Topdelegierter. Das war auch in der Phase des Berlin-Hypes der Fall.

Weitere Statistiken über die Unterstützerzahlen von zugelassenen und nicht zugelassenen Initiativen gibt es hier.
 

Phase 5: Der Post-Hype-Rückgang

Der Rückgang nach dem Berlin-Hype hat schon einige Abstimmungen vor dem Bundesparteitag eingesetzt. Möglicherweise lag das an der Menge der parallelen Abstimmungen, allerdings hat die Aktivität auch nach dem Bundesparteitag nie wieder die Aktivität des kurzen Hypes direkt nach der Berlin-Wahl erreicht, obwohl die Menge der Abstimmungen seitdem gut beherrschbar ist, wie man an der oberen Grafik sieht. An der Anzahl der potenziellen Benutzer kann es auch nicht wirklich liegen. Auch nach dem Hype stieg die Anzahl der Parteimitglieder und die Anzahl der Accounts im System weiter kräftig an. Es gibt inzwischen über doppelt so viele Accounts, wie am Ende der allerersten Phase, trotzdem stimmen mit durchschnittlich 250 Personen kaum mehr direkt mit ab als damals. Unter den Altmitgliedern ist die direkte Beteiligung im Schnitt bei 120 Personen und damit nur ein wenig höher als in der Ernüchterungsphase. Die Beteiligung der ca. 3000 Neumitglieder-Accounts geht hier bei durchschnittlich 130 direkten Abstimmern auch nur wenig darüber hinaus.

Delegationen werden inzwischen so viele eingesetzt, wie in keiner Phase zuvor. Außerdem liegen diese nahezu komplett bei den Altmitgliedern. Auch das Stimmgewicht der Topdelegierten hat wieder deutlich zugenommen. Die Beteiligung der Neumitglieder sorgt insgesamt aber für etwas mehr “Masse”, sodass die Ergebnisse nicht ganz so drastisch von einzelnen bestimmt werden, wie in der 2. und 3. Phase. Trotzdem können gerade Themen, die eine 2/3-Mehrheit benötigen, auch mit Hilfe der Auto-Ablehner, die inzwischen sogar mehr sind als in der Untoten-Phase, auch heute wieder von sehr wenigen Topdelegierten zur Not auch gegen den Willen aller anderer Teilnehmer abgelehnt werden. Seit dem Ende des Berlin-Hypes gab es auch wieder 10 Abstimmungen, in denen eine einzelne Person ein Quasi-Veto-Recht hatte.
 

Fazit

Wenn man die bisherigen Erfahrungen im Bundesliquid durchgeht, stellt man fest, dass es nicht den einen Zustand bzw. die eine Zustandsbeschreibung gibt. Die Abstimmungen, die Delegationen und auch das Auto-Ablehnen stehen zueinander in Wechselwirkung. Wenn sich irgendwo etwas verändert, wirkt sich das auf alles andere aus. Die Anzahl der Aktiven schlägt direkt durch in die Bedeutung der Delegationen und deren Konzentration bei wenigen bzw. einzelnen Personen. Das Auto-Ablehnen hat dabei das Potenzial das System gänzlich ad absurdum zu führen.

Bei all diesen Effekten, und vor allem auch den sehr unterschiedlichen Effekten je nach Zeitpunkt der Abstimmung, stellt sich die Frage, was man mit den Ergebnissen überhaupt anfangen kann, inwiefern diese vergleichbar sind und inwiefern diese überhaupt geeignet sind den Willen der Piratenpartei als ganzes auszuweisen.
 

Delegationen. Immernoch.

Der größte Knackpunkt in der Debatte sind nach wie vor die Delegationen. Es ist schon einiges darüber diskutiert worden und die Meinungen gehen weit auseinander. Leider gibt es dabei auch immernoch eine ganze Menge Mythen.

Ich staune doch manchmal sehr, dass mir immer und immer wieder erzählt wird, in Liquid Feedback hätte jeder das gleiche Stimmgewicht. Dabei ist die gesamte Idee der Liquid Democracy und der gesamte Sinn und Zweck der Delegationen, dass genau das eben nicht der Fall ist. Selbstverständlich hat jemand mit 9 Delegationen mehr Stimmgewicht als jemand ohne Delegationen. Das ist so trivial, dass es mich schon sehr wundert, dass das überhaupt diskutiert werden muss. Das Stimmgewicht der ersten Person von 10 wird sogar in der Datenbank in einer Spalte abgelegt, die “weight” heißt. Es ist gerade der Witz des ganzen, dass manche mehr Stimmgewicht haben als andere. Das gesamte Delegationssystem dient nur dem einen Zweck genau dieses Stimmgewicht zu verteilen. Und es macht das leider schlecht.

Dabei ist es leider auch sehr unintuitiv, wahrscheinlich weil das auf vergleichbare Weise in keinem Demokratiesystem gemacht wird, das man bisher so kennt. Die Gleichheit der Wahl ist üblicherweise ein Grundsatz, der überall zum Einsatz kommt. Wirft man diesen über Bord, sollte man sich schon sehr genau überlegen, was man da tut.

Die intuitive Vorstellung von Liquid Feedback wäre wohl, dass manchen Personen, die von vielen Leuten Zuspruch erfahren, einfach ein höheres Stimmgewicht zugesprochen wird. So frei nach dem Motto 100 Piraten können nicht irren, also wird das schon seine Richtigkeit haben, wenn jemand ein Stimmgewicht von 101 bekommt. So läuft das aber nicht. Da die Delegationen transitiv sind, kann auch jemand durch nur eine einzige Delegation ein Stimmgewicht von 101 bekommen. Und ja, sowas kommt vor, häufig! Selbst, dass diese eine Person, die den Delegationsempfänger bestimmt hat, ihr Stimmgewicht im Wesentlichen auch von nur einer einzelnen Person bekommen hat, kommt gar nicht so selten vor.

Insgesamt sind von den 129100 bei Abstimmungen eingesetzten Delegationen 77276 direkt gewesen und 51824 indirekt. Bei den Topdelegierten in den jeweiligen Abstimmungen spielen indirekte Delegationen eine nochmal größere Rolle. Von den 36678 Delegationen an den 1. Topdelegierten jeder Abstimmung waren 16940 direkt und 19738 indirekt. Inzwischen ist es ja kein Geheimnis mehr, dass dieser 1. Topdelegierte in vielen Fällen Maha gewesen ist. Er ist allerdings, wie früher bereits beschrieben, ein Sonderfall im System, besonders weil er relativ viele direkte globale Delegationen hat, die unabhängig vom Thema zum Tragen kommen. Die 16158 Delegationen an alle jeweiligen Topdelegierten außer Maha haben dann schon nur noch 3262 direkte Delegationen und 12896 indirekte. Gerade bei den Topdelegierten spielen indirekte Delegationen also eine sehr große Rolle.

Die Frage worin eigentlich der Sinn liegt, dass überhaupt irgendjemand das hundertfache Stimmgewicht der meisten anderen Personen bekommt, wird auch nach wie vor sehr unterschiedlich beantwortet. Immerhin wird inzwischen nicht mehr geleugnet, dass Delegationen in den Abstimmungen in großer Zahl zum Tragen kommen. Das ist wenigstens mal ein kleiner Fortschritt gegenüber der Debatte vor einem Jahr. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Begründung dafür so ziemlich das glitschigste an dieser Liquid Democracy ist. Mir begegnen immer wieder hauptsächlich zwei Punkte: Die Delegationsempfänger sollen Experten sein, die sich mehr mit den Themen beschäftigen und sinnvollere Entscheidungen treffen können, als ihre Delegierten, und sie sollen Vertreter sein für Leute die keine Zeit haben selbst aktiv am System (oder an einzelnen Themenbereichen) teilzunehmen und so die verschiedenen Flügel und Interessenslagen entsprechend der ganzen Partei abbilden, statt nur der Zeitelite der Partei. Immer, wenn ich jemandem erkläre warum das eine nicht funktioniert, ist plötzlich das andere der Zweck der Delegationen, und wenn ich darauf eingehe warum das andere nicht funktioniert, ist der Zweck wieder das eine. Hach, es macht so Spaß… ;)

Letztenendes hängt das aber schlicht davon ab, wie die einzelnen Delegationen motiviert sind. Wenn ich an jemanden delegiere, von dem ich glaube, dass er mehr Ahnung hat als ich und sinnvollere Entscheidungen trifft, dann ist es das eine und wenn ich an jemanden delegiere, von dem ich glaube, dass er sehr ähnlich denkt wie ich und meine Interessen im System vertreten kann, dann ist es das andere. Aber natürlich kann eine Delegation auch jede x-beliebige andere Motivation haben. In Liquid Feedback gibt es nun aber gleich mehrere Haken, warum das ganze zum Scheitern verurteilt ist.

Der erste Haken sind die bereits angesprochenen transitiven Delegationen. Eine Vermischung der verschiedenen Motivationen sorgt nicht nur dafür, dass man vom Gesamtergebnis überhaupt nicht mehr sagen kann, ob man da nun die Gesamtmeinung der Partei abgebildet hat, oder eine Beurteilung von Experten, oder sonstwas, sie wirkt sich auch innerhalb der einzelnen Delegationsketten aus. Wenn ich an jemanden delegiere, den ich für einen Experten halte, der delegiert an jemanden, von dem er glaubt, dass er ähnlich drauf ist wie er, der delegiert weiter an jemanden von dem er wiederum glaubt, dass er ähnlich denkt wie er, der delegiert weiter an jemanden von dem er meint, dass dieser halt einfach mehr Zeit hat, der wiederum delegiert an jemanden, den er für schlau hält und der dann wieder an einen anderen, weil er meint ähnlich zu denken wie dieser, wird mein Stimmgewicht dann von einem Experten eingesetzt, so wie ich mir das gewünscht habe? Wird mein Delegierter von jemandem vertreten, der wirklich die gleichen Ansichten vertritt wie er? Das dürfte dann doch ganz schön zum Glücksspiel werden und das besonders bei den Topdelegierten, bei denen die Delegationsketten häufig besonders lang sind. Ausgerechnet bei denjenigen, deren Stimmgewicht die größte Rolle spielt und die in einigen Fällen sogar die Entscheidungsmacht weitestgehend auf sich vereinen, ist die Grundlage der einzelnen Delegationen am schwammigsten.

Der nächste Haken ist die Themenauswahl. Wenn ich jemanden für einen Experten halte, dann wohl meistens auf einem oder mehreren bestimmten Gebieten. Liquid Feedback bietet dafür 3 verschiedene Delegationsarten an: Global, themenbereichsbezogen und themenbezogen. Die globalen Delegationen sind dabei aber natürlich inhärent schwammig. Delegationen auf Experten müssten dafür schon auf Universalexperten erfolgen, für Vertreter meiner Meinung bräuchte ich im Grunde eine Art Klon, auf den ich delegieren könnte. Selbst wenn ich mir große Mühe gebe meine Delegationen möglichst präzise zu verteilen, bin ich nie davor sicher, dass die Delegation einfach global weitergereicht wird. Auch themenbereichsbezogen lassen sich Experteneinschätzungen oder Meinungsvertreter aber selten präzise abbilden. Ein Delegierter für Verkehrsfragen kann diese Delegationen auch in der Energiepolitik einsetzen. Experten für Wahlsysteme haben das gleiche Stimmgewicht, wenn es um Polizeibefugnisse geht, usw., usf.. Besonders drollig finde ich ja die Topdelegierten im Bereich der sonstigen politischen Themen. Ich habe gehört die sollen alle wahre Koryphäen auf diesem Gebiet sein. Selbst eine Engerfassung der Themenbereiche würde dieses Problem aber nur bedingt lösen. Viele Themen passen auch bei den jetztigen, groben Themenbereichen nicht unbedingt nur in einen Bereich. Ein Antragssteller mit einem interdisziplinären Anliegen hat in Liquid Feedback leider sowieso schon die Möglichkeit sein Thema in den Themenbereich einzustellen, in dem ihm die Topdelegierten genehm sind. Das ist machtverteilungstechnisch im Grunde sowieso schon völlig absurd. Mit engeren Themenbereichen würde es wahrscheinlich zum Volkssport werden.

Theoretisch gäbe es ja die Möglichkeit seine Delegationen durch themenbezogene Delegationen im Einzelfall zu präzisieren. Davon wird aber kaum Gebrauch gemacht. Insgesamt wurden 94094 Delegationen, die tatsächlich in Abstimmungen zum Einsatz gekommen sind, global verteilt. Themenbereichsbezogen waren es 33472, themenbezogen nur 1534. Von den bereichsbezogenen wurden auch noch 7182 mindestens einmal in der folgenden Delegationskette global weitergereicht. Die themenbezogenen wurden 159 mal global weitergereicht und 103 weitere mal zumindest bereichsbezogen.

Wie man sieht machen die globalen Delegationen also den Löwenanteil aus. Wie man so Experten bestimmen soll, ist mir völlig schleierhaft. Aber auch die Abbildung von Interessensgruppen lässt sich so nicht wirklich erreichen. Dazu kommt weiter unten im Text aber ohnehin noch etwas.

Der nächste Haken ist, dass jemand, der delegiert, vor der Abstimmung aus dem System heraus überhaupt nicht erfährt an wen er überhaupt delegiert. Das hängt schließlich nicht nur von seiner Delegationskette für das abzustimmende Thema ab, sondern auch davon, wer davon abstimmt und wer nicht. Wenn man sich die Mühe macht die entsprechende Delegationskette zusammenzurecherchieren, kann man seine (potenziellen) Delegierten fragen, was sie denn machen werden, und so erfahren an wen man am Ende delegiert haben wird, aber dann kann man die Person auch gleich fragen, was sie von der Sache hält und selbst so abstimmen. Das nicht tun zu müssen soll ja gerade den Mehrwert bringen. In den meisten Fällen wird man erst nach der Abstimmung wissen, wer denn die Delegation letztenendes eingesetzt hat, sofern man sich denn dann wenigstens hinterher die Mühe macht das nachzuschauen, was leider auch mit relativ viel Aufwand verbunden ist. Dass das nicht so wahnsinnig viele machen, kann man schon allein daran erkennen, dass seit geraumer Zeit rund die Hälfte aller Delegationen im Demokratienirwana verenden, ohne dass es die Delegierenden so wahnsinnig zu jucken scheint.

Oder in kurz: Das ganze ist viel zu kompliziert um funktionieren zu können.

Das ganze System baut auf der letztenendes ideologischen Vorstellung auf, dass die Summe der Entscheidungen seiner Nutzer schon automatisch zu einem sinnvollen Ergebnis führen wird. Das ist gelinde gesagt naiv. Das Zusammenwirken der drei Delegationsformen inkl. Transitivität ist im Vergleich zu “üblichen” Demokratieformen hochkomplex. Ausgerechnet an den entscheidenden Stellen, nämlich da, wo Topdelegierte mit drastisch erhöhtem Stimmgewicht bestimmt werden, ist es leider sogar am komplexesten und schwammige Entscheidungen summieren sich in langen Delegationsketten auf. Wie weiter oben schon beschrieben, wirken sich nicht nur bewusste Handlungen, sondern auch möglicherweise oft unbewusstes Nicht-Handeln stark auf das System aus. Dem einzelnen ist es dabei schwer bis unmöglich einen Gesamtüberlick über das, was da passiert, zu bekommen. Das erschwert es dem System auch enorm soetwas wie “Checks and Balances” zu entwickeln. In der Theorie ist der Entzug einer Delegation das Allheilmittel, um Fehlentwicklungen aller Art korrigieren zu können, in der Praxis ist es aber schon enorm schwer nur erfassen zu können welche Entwicklungen es denn überhaupt gibt, geschweige denn diese zu beurteilen. Daher findet auch eine Fehlerkorrektur nur in sehr geringem Maße statt.
 

Hinkende Vergleiche mit Topdelegierten

Besonders beliebt war in den letzten Monaten der Vergleich von Topdelegierten mit Vorständen oder mit Mandatsträgern. Dabei gibt es aber so viele entscheidende Unterschiede, dass der Vergleich quasi gleich auf beiden Beinen hinkt.

Erstaunlicherweise wurde die komplette Existenz von Topdelegierten mit überragendem Stimmgewicht erstmal rund ein halbes Jahr lang komplett geleugnet. Es musste erst jemand (*hust*) daherkommen und sie mit bunten Bildchen aufmalen, bis das endlich aufgehört hat. Seitdem wurde mir erstaunlich oft gesagt, dass das ja eh eigentlich der Sinn der Sache wäre, da Liquid Democracy ja keine Basisdemokratie ist, sondern ein Weg eben solche Topdelegierten auszuwählen. Das ist noch so ein Punkt, in dem Liquid Democracy wieder um einiges glitschiger ist, als da, wo es eigentlich “liquid” sein soll. Je nachdem, worum es gerade geht, ist Liquid Democracy entweder die Rettung aller Basisdemokratie, oder, genauso selbstverständlich vorgetragen, natürlich keine Basisdemokratie. Aber nun gut, dann ist es heute eben mal der “bessere” Weg Repräsentanten auszuwählen.

Schauen wir uns also an, wie Repräsentanten in einem “normalen” repräsentativen Demokratiesystem ausgewählt werden. Da wäre zum einen die Kandidatur. Egal ob Vorstand oder Mandatsträger, wer den Job machen will entscheidet sich bewusst dafür. Die Leute haben sich im Normalfall einigermaßen überlegt, was eine Wahl für sie bedeutet, und sind willens die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Sie kandidieren und nehmen die Wahl an. Delegationsempfänger werden noch nichtmal gefragt, ob sie das denn wollen. Sie werden es halt. Und wenn ihnen jemand 100 Delegationen rüberschiebt, dann haben sie die halt. Tasächlich bekommen sie das noch nichtmal mitgeteilt und erfahren dann irgendwann durch Zufall vielleicht oder vielleicht auch nicht welche Macht sie eigentlich haben. Das geht den meisten Delegierenden, die ihre Delegation indirekt dazu beisteuern, aber genauso. Das nennt man wahrscheinlich ausgleichende Gerechtigkeit.

Verantwortung ist daran aber eh keine gebunden. Es gibt keine Rechenschaftpflicht in irgendeiner Form, keine Anforderungen an Engagement oder Transparenz. Ja, es gibt ja noch nichtmal wirklich eine Beobachtung, was die Delegierten überhaupt tun oder wer sie überhaupt sind. Das geht sogar so weit, dass es durch die Nutzungsbedingungen verboten (!) ist öffentlich zu kommunizieren, wer denn z.B. Topdelegierter ist und was die so machen. Wir stellen uns also mal eine Bundestagswahl vor, über die es keine öffentliche Berichterstattung gibt. Die Leute machen ihre Kreuzchen und gehen nach Hause. Am nächsten Tag können sie dann auf dem Amt in langen Listen nachschauen, wer gewonnen hat, öffentlich darüber reden dürfen sie aber nicht. Wer auch wissen möchte von wem er jetzt regiert wird, muss selber auf’s Amt gehen und nachschauen. Das selbe gilt für das Abstimmverhalten bei Gesetzen, die der Bundestag dann beschließt. Das steht dann im Bundesgesetzblatt, wer das beschlossen hat. Nachrichten darüber sind verboten. Super Vorstellung, oder? Bei Delegierten in Liquid Feedback leider der Ist-Zustand…

Dazu kommt die bereits erwähnte Art der Auswahl der Topdelegierten. Diese werden nicht durch ein einfaches x, oder zwei (oder von mir aus mehreren x’en, wenn man es mal mit Kumulieren & Panaschieren vergleicht, was so ziemlich das komplexeste ist, was man üblicherweise bei Wahlen antrifft) ausgewählt, sondern durch ein komplexes System verschiedener, transitiver Delegationsformen, im Zusammenspiel mit aktiven Handlungen anderer Personen, oder deren Unterlassung. Na herzlichen Glückwunsch.

Die Auswahl von Vorständen oder Mandatsträgern findet außerdem dadurch statt, dass eine bestimmte Menge an Personen eine entsprechende Wahl trifft. Das kann z.B. eine Mehrheit sein, oder eine ausreichend große Menge an Wählern beim Verhältniswahlrecht. Topdelegierte brauchen ebenfalls eine ausreichend große Menge an Delegierenden, aber diese müssen nicht den Topdelegierte auswählen. Dafür kann eine einzelne Person schon ausreichen, die nur über die Auswahl verschiedener anderer Personen genügend Stimmgewicht auf sich selbst vereint hat. Statt dass diese Personen den Topdelegierten auswählen, wird die Entscheidung umgedreht. Sie müssen die Person quasi aktiv abwählen, indem sie ihre Delegation ändern oder entfernen, was wiederum nur geht, wenn sie überhaupt mitbekommen, dass sie zum Stimmgewicht eines bestimmten Topdelegierten beitragen. Das wiederum können sie vor der jeweiligen Abstimmung aber auch wieder nur erahnen, da sie ja erst nach der Abstimmung wissen, ob die Delegationskette überhaupt bis zum Topdelegierten durchgehalten hat.

Wir haben da nun also Leute, die die ihnen zugeteilte Rolle vielleicht noch nichtmal wollen oder überhaupt davon wissen, die keiner öffentlichen Reflexion ausgesetzt, vielleicht noch nichtmal überhaupt allgemein bekannt sind, und die durch ein undurchschaubares System im krassesten, aber nicht unrealistischen Fall, von nur einer Person oder zumindest sehr wenigen Personen ausgewählt wurden. Die haben dann nicht nur 1/7 der Entscheidungsgewalt (Beispiel Bundesvorstand), oder 15/149 (Beispiel Abgeordnetenhaus Berlin), sondern in manchen Fällen die alleinige Entscheidungsmacht.

Mich reißt eine reine repräsentative Demokratie ohne weitere Einflussmöglichkeiten nun auch nicht gerade vom Hocker, aber wenn man diese durch ein anderes Verfahren ablösen möchte, dann muss man schon etwas wirklich brauchbares abliefern. Nur anders ist noch lange nicht besser. Erst recht nicht, wenn ein repräsentatives System seine Schwächen mit anderen Lösungen, wie z.B. plebiszitären Elementen, deutlich besser abfedern kann. Und dazu kommt dann noch, dass wir für die politische Weiterentwicklung bei uns in der Partei gar kein repräsentatives System haben, das man verbessern müsste. Die programmatische Weiterentwicklung durch Topdelegierte mit dem Bundesvorstand zu vergleichen hinkt also sogar noch auf einem dritten Bein.
 

Wie repräsentativ ist das Ganze eigentlich?

Ohnehin stellt sich bei einem System wie Liquid Feedback, wenn man es als Entscheidungssystem nutzt, die Frage wer da eigentlich die Entscheidungen trifft. Die Machtverlagerung auf wenige Topdelegierte ist da nur eine der Fragen, deren Sinnhaftigkeit auf die Probe gestellt gehört. Die ebenso wichtige Frage ist auch, wer in diesem System eigentlich die “Basis” darstellt.

Mit Bizarritäten wie dem Auto-Ablehnen, das zur Zeit mit rund 9% im Schnitt zu Buche schlägt, wird schnell klar, dass eine wahnsinnig genaue Erhebung der Parteimeinung sowieso nicht zu erwarten ist. Wem das nun wenig vorkommt, dem sei gesagt, dass bisher insgesamt 271 Initiativen abgelehnt wurden. Von diesen hätten insgesamt 81 Initiativen, also etwas weniger als jede dritte, die notwenige Mehrheit erreicht, wenn man die Auto-Ablehner abzieht. Darunter sind so illustre Dinge, wie die Abschaltung der Aktiven-Mailingliste, die Absenkung der Einberufungshürde für Bundesparteitage oder die Neuauflage der Kernprogramm-Idee, aber auch politisches, wie das Thema Stuttgart 21 oder die Castor-Demonstrationen. Leider sind aber auch Initiativen davon betroffen, die bereits eine ganz reale Außenwirkung hatten. Nur ist der interessierten Öffentlichkeit natürlich nicht bekannt, dass auch der Vorschlag für Georg Schramm als nächsten Bundespräsidenten nur an der Auto-Ablehnen-Funktion gescheitert ist. So wird Selbstbetrug leider auch zur Öffentlichkeitsverarschung.

Weitere 43% durchschnittlicher Delegationsanteil machen die Frage nach der Repräsentativität jetzt auch nicht gerade einfacher. Hier vermengt sich Repräsentation mit Expertenbestimmung und Fire&Forget-Delegationen. Eine genaue Quantifizierung ist zumindest mit den Daten, die Liquid Feedback selbst zur Verfügung stellt, leider nicht möglich. Zur Zeit werden aber im Schnitt nichtmal die Hälfte der Stimmen direkt von den beteiligten Personen abgegeben. Der Unsicherheitsfaktor ist also nicht gerade klein. Ganz zeitgenössisch könnte man da mal die Frage stellen: “Why do 1% of the accounts get to use 88% of the delegations?” (true story)

Generell spielt in der Diskussion um das System auch die absolute Gesamtanzahl der Teilnehmer immer wieder eine große Rolle. Während die Zahl der Teilnehmer am System insgesamt leider hauptsächlich eine Frage der Definition von “teilnehmen” ist, können diese bei den einzelnen Abstimmungen sehr konkret benannt werden. Wie oben bereits beschrieben unterliegt diese Anzahl einigen Schwankungen, dreht sich zur Zeit (Durchschnitt der letzten 50 Abstimmungen) aber um etwa 260 direkte Teilnehmer, 29+20 Auto-Ablehner und 230 Teilnehmern über Delegationen. Je nachdem, wie man zu einer Beteiligung über Delegationen und Auto-Ablehnen steht, sind das also 260 bis 539 Personen im Durchschnitt. In einer Organisation mit etwa 22.000 Mitgliedern sind das so etwa 1,2% bis 2,5% Teilnehmer an den einzelnen Abstimmungen. Nimmt man nur die zahlungswilligen Mitglieder zum Maßstab, sieht das natürlich ein Stück besser aus, aber rosig geht trotzdem anders.

Bei der niedrigen Teilnehmerzahl wird gerne die Frage gestellt, wie repräsentativ die Ergebnisse des Systems denn überhaupt für die Partei sind. Dabei wird eine Sache aber häufig übersehen: Für die Repräsentativität spielt die blose Anzahl der Teilnehmer gar nicht so sehr die allergrößte Rolle. Zwar ist es so, dass bei zu kleinen Zahlen kaum sinnvolle Ergebnisse herauskommen können, aber im Prinzip können auch einige hundert Personen ein Abbild der Partei darstellen.

Das Entscheidende dafür ist, wie sich die Gruppe zusammensetzt. Wenn die Zusammensetzung ungefähr der der Gesamtpartei entspricht, bekommt man auch sehr ähnliche Ergebnisse, wie wenn man die gesamte Partei befragen würde. Dazu müssten sich die Benutzer allerdings im Verhältnis der Gesamtpartei aus jung und alt zusammensetzen, aus Männlein, Weiblein und Eichhörnchen, aus Süd-, Nord-, Ost- und West-, aus Land- und Stadt-Piraten, Onlinern und Offliner, Kernis, Vollis, Spackos, Aluhüten, Linke, Rechte, Vornere, unten, oben und die ganzen anderen Unterschiede auch, die das Gebilde “Piratenpartei” ausmachen. Spätestens wenn man sich überlegt, ob die Teilnehmer das Verhältnis der Liquid Feedback-Fans und Liquid Feedback-Gegner entsprechend der Partei abbildet, wird das Problem hier aber sehr klar. Genauso wirkt sich das auf Fragen aus, wie ab wann ein Parteimitglied “Politiker” ist, wie man zu geheimen Abstimmungen oder Datenschutz steht, was man von Online-Voting hält, usw.. Auch der Umgang mit der Benutzeroberfläche des Systems fällt den einen leichter, den anderen schwerer. Damit wird klar, dass das System natürlich nicht die Gesamtheit der Piratenpartei, ja noch nichtmal die Aktiven oder generell an politischer Weiterentwicklung Interessierten, abbildet. Das System wird trivialerweise weitestgehend von den Fans des Systems beherrscht.

Ich könnte ja jetzt ein bisschen auflisten wer das so alles ist, damit sich jeder selbst ein Bild davon machen kann, aber wie bereits dargelegt ist das ja pfuipfui. Glücklicherweise ist das System ja aber transparent und zumindest die Piraten unter euch mit einem Account können das selbst nachschauen, *hust*, *hust*.

Stattdessen gibt es allerdings auch eine andere Möglichkeit das Ausmaß des Repräsentationsproblems ein wenig greifbar zu machen. Die meisten Merkmale der Liquid Feedback-Nutzer kann ich nicht auswerten, da ich sie weder von den Nutzern, noch von der Partei als Kontrollgruppe quantifizieren kann. Mit einem Merkmal ist das aber zumindest näherungsweise machbar: Dem Landesverband.

Das klingt jetzt vielleicht ein wenig schräg, aber ja, ich habe versucht von allen 3558 Benutzern, die bereits an mindestens einer Abstimmung teilgenommen haben, den LV herauszubekommen. 1907 mal ist mir das gelungen, was ausreicht, um 93268 von insgesamt 131432 direkten Stimmabgaben einem LV zuordnen zu können. Außerdem kann ich 117015 von insgesamt 118190 eingesetzten Delegationen an direkte Abstimmer (sprich: ohne Auto-Ablehner), also fast alle, einem LV zuordnen. Die Daten dazu entstammen größtenteils den Benutzerprofilen in Liquid Feedback oder den Angaben des gleichnamigen Wiki-Accounts (wobei ich soetwas wie ‘Bernd’ in LQFB und ‘Bernd’ im Wiki natürlich nicht verknüpft habe). Eine leichte Fehlerquote kann sich dabei natürlich eingeschlichen haben, z.B. durch veraltete Daten oder fehlerhafte Verknüpfungen, allerdings bin ich tendenziell eher zu vorsichtig vorgegangen. 100% genau ist die Auswertung ohnehin nicht, wird sie aber hoffentlich werden, wenn die Gebietskennzeichen eingeführt werden. In dem ein oder anderen prominenten Fall ist mir auch ein LV-Wechsel bekannt, der entsprechend berücksichtigt wurde. Eine Hand voll Auslandspiraten ist mir dabei auch über den Weg gelaufen, die habe ich allerdings weggelassen.

Da die Mitgliederverwaltung momentan etwas holprig läuft habe ich für die Werte der Gesamtpartei die letzten Angaben von 2011 aus dem Wiki entnommen. Da Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein dort keine Anzahl der Stimmberechtigten hinterlegt hatten, habe ich für diese beiden LVs eine durchschnittliche Bezahlquote angenommen.

Das Resultat der Machtverteilung aufgeteilt in direkte Abstimmungen, eingesetzte Delegationen und daraus resultierendes Gesamtstimmgewicht sieht dann so aus.

An den blauen Balken sieht man schön welche Landesverbände die fleißigsten Nutzer haben. Das vielbeschworene Nord-Süd-Gefälle trifft die Sache nicht so ganz, wie man sieht. Nach der BGE-Umfrage in Bayern ist das schon der zweite Grund diesen Mythos endlich mal über Bord zu werfen. Tendenziell scheint es in Liquid Feedback eher ein Ost-West-Gefälle zu geben (mit Ausnahmen). Aufgrund der generell schwachen Benutzerzahlen sollte aber vor allem bei den kleinen Landesverbänden beachtet werden, dass wenige sehr, sehr aktive Benutzer sich bereits deutlich in der Grafik bemerkbar machen können, da sie nicht die unterschiedlichen Personen zählt, sondern die insgesamt abgegebenen Stimmen.

Deutlich zeigt sich allerdings die Auswirkung der Delegationen. Tatsächlich wirkt sich nämlich nicht nur der Umfang der Nutzung des Systems auf die Machtverteilung aus, sondern auch die Art und Weise. Die häufige Nutzung von Delegationen innerhalb einer bestimmten Gruppe, schlägt der Gruppe nicht nur diese Delegationen zu, in einem dichten Teil des Delegationsnetzes bleiben tendenziell auch mehr Delegationen von außerhalb dieser Gruppe hängen. Dichte Delegationscluster wirken wie ein Delegationsstaubsauger, da Delegationsketten seltener bei inaktiven Nutzern enden, sondern sich, wie in The Tale of Liquid Feedback bereits beschrieben, in komplexen Delegationsbäumen immer mehr bei den Topdelegierten akkumulieren. Dort findet dann die eigentliche Machtverteilung statt. So speisen sich letztlich fast alle Topdelegierten zumindest zum Großteil aus dem selben Delegationscluster. Dieses findet, wie man sieht, zum Großteil im LV Berlin statt, schlägt aber auch punktuell in andere Landesverbände über. Die Delegationen in den anderen Landesverbänden wurden in vielen Fällen auch von diesem Cluster eingesammelt und dann an die entsprechenden Personen weitergereicht.

Interessant wird das ganze vor allem dann, wenn man es mit den Verteilungen unserer Mitglieder auf den Bundesparteitagen vergleicht. Dort ist es ein bekanntes Problem, dass jeweils bestimmte Regionen anfahrtsbedingt bevorteilt werden. Eine der Hoffnungen, die generell in Online-Voting gesteckt wird, ist es ja gerade diesen Effekt abzuschaffen. Von den letzten 3 Bundesparteitagen liegen die Akkreditiertenzahlen aufgeschlüsselt nach Landesverband vor und sehen so aus:

Wie man sieht ist der Effekt bei den jeweiligen Bundesparteitagen deutlich sichtbar. Die Ausschläge sind im Vergleich zu Liquid Feedback aber immernoch gering. Erfreulicher ist auch die Betrachtung der Durchschnittswerte. Diese bringen zwar auf dem jeweiligen Parteitag nichts, sorgen auf Dauer aber doch für einen gewissen Ausgleich. Unterdurchschnittlich vertreten sind da hauptsächlich das Saarland, Niedersachsen, NRW, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und ein bisschen Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Wenn man weiß, dass der letzte Parteitag ohne LV-Aufschlüsselung in Bingen am Rhein stattgefunden hat, relativieren sich auch die Werte für das Saarland und NRW ein wenig. Davor war der Parteitag in Hamburg, was die Benachteiligung der Norddeutschen Landesverbände etwas relativiert, auch wenn da die meisten heutigen Mitglieder noch gar nicht dabei waren. Aber auch der nächste Parteitag wird in Neumünster in Schleswig-Holstein sein, wodurch hier ein ordentlicher Ausgleich zu erwarten sein wird. Die einzigen, die dann noch ein wenig in die Röhre schauen, sind die Bayern. Ich denke allerdings die hatten ihre Chance in Heidenheim und Chemnitz. Wer da nicht zugreift, ist eben selbst schuld. Hauptsächlich Hessen und vielleicht auch ein bisschen Thüringen sind durch ihre Lage aber wohl generell ein wenig im Vorteil.

Insgesamt spielt sich das Problem in einer ähnlichen Größenordnung ab, wie die Verteilung der direkten Teilnehmer in Liquid Feedback, wird also dadurch in der Praxis nicht wirklich gelöst. Während Parteitage es mit der Rotation der Standorte aber relativieren, verschlimmert es Liquid Feedback durch die Delegationen drastisch. Es ist ein bisschen wie mit dem Umgang mit der repräsentativen Demokratie weiter oben im Text: Nur weil man ein Problem erkannt hat und etwas tut, heißt das noch lange nicht, dass man das Problem damit auch löst. Wenn es dumm läuft verschlimmbessert man die Sache sogar noch.

Eine Auswertung der Auto-Ablehner, die in der obigen Grafik nicht enthalten sind, sowie aufgeteilt nach Themenbereichen, kann hier im Wiki angeschaut werden.
 

Nachvollziehbarkeit und Manipulationen

Zu allem Überfluss war das aber noch lange nicht alles. Auf wundersame Weise ist in den letzten Monaten auch noch eine andere Debatte aus Zombieland zurückgekehrt: Die um die Nachvollziehbarkeit und Manipulationssicherheit.

Mit dem Einzug der ersten Abgeordneten in ein Landesparlament stellt sich erneut die Frage, wie verlässlich die Ergebnisse von Liquid Feedback eigentlich sind, also nicht auf Repräsentativität bezogen, sondern auf die Manipulationssicherheit. Schon macht der Begriff “Wahlcomputer” wieder die Runde. Die Lösung soll die sogenannte Klarnamenspflicht bringen.

Erstaunlich.

Also vor allem deshalb erstaunlich, weil offenbar ein Konsens vom Himmel gefallen ist, dass Liquid Feedback zur Zeit manipulierbar ist und wir dem schutzlos ausgeliefert sind. Ein Murmeltier hat mir geflüstert, dass ich das irgendwo schonmal gehört habe.

Tatsächlich ist die Debatte eine schnöde Wiederholung. Sie hat schonmal stattgefunden. Mit den gleichen Personen. Mit den gleichen Argumenten. Teilweise fast sogar wortgleich! Nur muss das offenbar in einem Paralleluniversum gewesen sein. Vor ca. 1,5 Jahren hatten wir die exakt gleiche Debatte schonmal, nur über den Datenbank-Dump, statt über Klarnamen. Damals haben sich einige Parteimitglieder dagegen gewehrt, dass ihr gesamtes über die Jahre angesammeltes Abstimmverhalten zentral protokolliert und allen mehr oder weniger handlich zugänglich gemacht werden soll. Das ging so weit, dass der Vorstand sogar beschlossen hat das System ohne den Dump-Download zu starten. Ein epischer Shitstorm brach daraufhin über ihn herein. Die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an den Generalstreik des halben Berliner Landesverbandes inklusive Rücktritt des CiviCRM-Beauftragten. Welch ein Skandal! Das System ist doch ohne Dump gar nicht nachvollziehbar und ein böser, böser Wahlcomputer! Die Gruppe hat sich damals durchgesetzt, der Dump wurde von Anfang an zum Download angeboten. Auf der unterlegenen Seite ist es sogar zu einigen Parteiaustritten gekommen. Heute erzählen die selben Personen Liquid Feedback würde von uns als Wahlcomputer betrieben und sei nicht nachvollziehbar. Ja wollt ihr uns eigentlich verarschen? Es war von Anfang an der verdammte Punkt, dass der Datenbank-Dump überhaupt nicht vor Manipulationen schützt. Aber er musste ja trotzdem unbedingt sein, weil sonst Wahlcomputer!1!!elf

Heute wird mit der selben Überzeugung das genaue Gegenteil vertreten. Aber natürlich nicht, weil der Fehler von damals eingesehen wurde, sondern weil die nächste Eskalationsstufe gezündet werden soll. Jetzt soll nicht mehr nur das Abstimmverhalten jedes Parteimitglieds, das an dem System teilnehmen will, protokolliert und zum Download angeboten werden, es soll auch noch jeder unter seinem bürgerlichen Namen erfasst werden. Weil, wir ahnen es schon, sonst Wahlcomputer!1!!elf

Die Ironie der Geschichte ist ja, dass das genausowenig vor Manipulationen schützt, wie der Dump-Download damals. Es ist die selbe unwürdige Debatte mit den selben haarsträubenden Pseudo-Argumenten.

Die Situation ist momentan die, dass wir Leute im System haben wie ÜrgelDürgel, Arno Nym oder Kabunga2000. Wir sehen wie diese Accounts abgestimmt haben, aber nicht ob da jemand etwas dran gedreht hat, oder ob das überhaupt legitime Accounts sind. Da können wir Dumps herunterladen so viel wir wollen. Und hurray, wir können Hashwerte der Dumps austauschen, um zu überprüfen, ob wir alle den gleichen Dump erhalten haben. Außer dem Admin selbst hat immerhin einer ein mal so einen Hash in die dafür vorgesehen Hash-Börse eingetragen. Da fühlt man sich doch gleich viel sicherer.

Noch viel sicherer fühle ich mich, wenn ich weiß, dass ÜrgelDürgel in Wirklichkeit Franz Meier heißt. Weil dann weiß ich ja, dass das ein legitimer Account eines echten, stimmberechtigten Piraten ist. Außer natürlich ich kenne Franz Meier überhaupt nicht. Dann weiß ich einen Scheiß. Aber das ist bei 22.000 Parteimitgliedern natürlich total unwahrscheinlich. Nicht. Tatsächlich kann ich auch mit Klarnamen nur die Accounts verifizieren, bei denen mir der Name auch entsprechend etwas sagt. Bei allen anderen, was für die meisten Piraten wohl über 20.000 Personen sein dürften, kann ich auch mit Klarnamen überhaupt nichts überprüfen. Ich weiß nicht, ob ein Name, den ich nicht kenne, eine Sockenpuppe ist oder nicht. Woher auch? Bei meinen Recherchen zu den jeweiligen Landesverbänden sind mir hunderte dieser sogenannten Klarnamen begegnet, bei denen ich trotzdem keinen Landesverband ermitteln konnte. Genausowenig kann ich dort ermitteln, ob es sich um legitime, stimmberechtigte Accounts handelt. Die einzigen, die das vielleicht können, sind die Generalsekretäre mit Zugriff auf die Mitgliederverwaltung. Das ist allerdings auch bei den bisherigen pseudonymen Accounts über die Teilnehmerkreisprüfung möglich. Das einzige, was das also bringt, ist dass man ein paar Accounts mehr selbst verifizieren kann. Bei aktuell fast 7.000 Accounts von potenziell 22.000 verschiedenen Personen schützt das allerdings kein Stück vor Manipulationen. Selbst wenn alle Aktiven ihre eigenen bekannten im Auge behalten würden, könnte es immernoch tausende Accounts von Parteimitgliedern geben, die nicht in die sozialen Strukturen der Partei eingebunden sind. Schließlich bekommen auch die passiven Parteimitglieder Referenzschlüssel zugeschickt. Was sagt uns das dann, wenn da Namen in einer Abstimmung auftauchen, die keiner von uns kennt? Nichts!

Noch viel weniger hilft das ganze bei der Überprüfung, ob einzelne Abstimmungen manipuliert wurden. Ein fieser Hacker mit Zugriff auf die LQFB-Datenbank (oder im trivialsten Fall der Administrator, der eh das Passwort hat) kann nach Lust und Laune Abstimmungen für bestehende Accounts einfügen. Ebenso wenn es jemandem gelingt bestehende Accounts zu übernehmen, wie z.B. bei der Sicherheitslücke, die zur Operation Cleanup geführt hat. Es gibt eine deutlich vierstellige Zahl an Accounts, die schon seit Ewigkeiten registriert sind und noch nie etwas im System gemacht haben. Es wäre ein leichtes dort hunderte Accounts herauszupicken, deren Name oder Login sonst nirgends im Parteikontext auftaucht und damit fröhlich abzustimmen. Bei halbwegs knappen Abstimmungen reicht oft schon eine zweistellige Anzahl an manipulierten Stimmabgaben, um das gewünschte Ergebnis herbeizuführen. Kein Schwein würde das merken. Klare Fälle komplett umzudrehen würde allerdings eh auch ohne Dump und Klarnamen auffallen, daher geht das sowieso nur bei halbwegs umstrittenen Geschichten. Es gibt locker genügend Accounts im System, die man dafür nutzen könnte. Kein Schwein kennt diese Accounts, kein Schwein kann beurteilen, ob ein Daumen hoch oder Daumen runter dieser Accounts nun irgendwie verdächtig ist, oder nicht. Wenn der Last Login mit erfasst wird, was im Zuge des Delegationsverfalls kommen soll, ist es sogar noch einfacher verwaiste Accounts zu finden. Damit kann die letzte geschätzte 0,00001% Chance, dass der Accountinhaber sich doch mal einloggt und die Abstimmungsdetails genau der Abstimmung anschaut, in der man mit ihm abgestimmt hat, auch nochmal reduziert werden. Die Generalsekretäre können aber auch gleich statt die Referenzschlüssel zu verschicken selbst Accounts damit anlegen. Die benutzt dann garantiert niemand sonst. Klarnamen reduzieren die Anzahl dieser Accounts ein wenig. Aber auch nur dann, wenn das soziale Umfeld der inaktiven Accounts auch einigermaßen häufig die Abstimmdetails durchschaut und das Verhalten der anderen bei Treffen thematisiert. Um Manipulationen halbwegs zuverlässig aufdecken zu können, müssen das aber viele Gruppen in der Partei tun. Und dann hat man immernoch keine Chance auch die Accounts von tausenden passiven Mitgliedern, die gar kein soziales Umfeld innerhalb der Partei haben, zu überprüfen. Man erhöht quasi die Chance Manipulationen zu entdecken um den (zur Verdeutlichung erfundenen) Faktor 100, von 0,00001% auf 0,001%. Super!

Dafür lohnt es sich natürlich enorm nach der Einführung der downloadbaren Vollprotokollierung jeglichen Abstimmverhaltens nun auch noch die Pseudonymität zu opfern. Weil ja auch noch nicht genügend Benutzer aus dem System vertrieben wurden. Da geht noch was! Bis der harte Kern dann eben ganz allein dort sitzt und die Geschicke lenkt.

Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall schonmal gespannt, welche Debatte wir dann im nächsten Jahr erleben dürfen, wenn dem ein oder anderen wieder auffällt, dass Liquid Feedback ja immernoch nicht manipulationssicher ist. Da geht es dann wahrscheinlich darum, dass wir alle auf einem Parteitag unser Abstimmverhalten vortanzen müssen, um es nachträglich zu verifizieren.
 

Geheime Abstimmungen

Richtig bitter wird der Streit um die Nachvollziehbarkeit und Klarnamen, wenn man sich vor Augen führt, was da im Vorbeigehen mal eben alles geopfert werden soll. Nichts geringeres als die geheime Abstimmung an sich steht hier auf der Abschussliste.

Dabei wird argumentiert, dass das Wahlgeheimnis ja nur bei Wahlen, also wenn es um Personen geht, eine Rolle spielt. Das verkennt natürlich total den Sinn der Sache und übersieht ganz nebenbei auch, dass das Wahlgeheimnis selbstverständlich auch bei Volksentscheiden angewandt wird. Das ist ja auch nicht verwunderlich, da bei Sachentscheidungen prinzipiell natürlich die selben Möglichkeiten Druck auf die Abstimmenden aufzubauen, oder Stimmen zu kaufen, besteht.

Die Anonymität bei der geheimen Wahl (und genauso bei der geheimen Abstimmung) gibt dem Stimmberechtigten die Freiheit wirklich so zu entscheiden, wie er es gerne möchte, ohne sich dadurch irgendwelchen negativen Reaktionen aussetzen zu müssen. Schafft man das einfach ab, stärkt man damit genau diejenigen, die es am besten verstehen Druck auf die anderen auszuüben. Das kann sowohl subtil durch Intrigen oder ähnliches stattfinden, als auch offen und laut per Shitstorm oder permanentem Getrolle. Aber auch unauffälligere Dinge, wie z.B. die Erwartungshaltung der eigenen sozialen Gruppe, innerhalb der Partei oder auch außerhalb, kann die Entscheidungen der Mitglieder unfrei machen. Die Klassiker, wie z.B. der Chef, der einen wegen seinen Liquid Feedback-Abstimmungen feuert, oder der zukünftige Diktator, der die aufmüpfigen Piraten gleich mal wegsperrt, sobald er an der Macht ist, sind dagegen harmlos hypothetische Gedankenspiele.

Die Möglichkeit zur geheimen Abstimmung einfach zu streichen, weil sie manipulationssicher nicht online machbar ist, ist daher eine verdammt schlechte Idee. Sie bedeutet eine Machtverschiebung zu den Schmerzbefreiten, den Egomanen und den Mobbern hin. Die Zurückhaltenderen und Unsichereren bleiben dabei auf der Strecke. Stolz zu betonen wie sehr man doch zu seiner Meinung steht und wie geil man doch ist sich freiwillig in jeden Sturm zu stellen, ist dabei nicht sonderlich hilfreich, denn das selbe einfach von allen anderen auch zu verlangen, verkennt die Wirkung von sozialem Druck und die Unterschiede verschiedener Charakterprägungen.

Leider wird die geheime Abstimmung gerne mal unter dem Begriff “Minderheitenschutz” eingeordnet. Das halte ich für eine sehr unglückliche Umschreibung, denn es geht nicht per se um Minderheiten. Es geht darum freie Entscheidungen treffen zu können und zwar für alle gleichermaßen. Ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch durften wir ja in Offenbach erleben, als die Satzungsänderungsanträge zu §1 behandelt wurden. Dort war die aufgeheizte Stimmung regelrecht zu spüren und dementsprechend klar fiel auch das offene Meinungsbild aus. Die geheime Abstimmung hat aber plötzlich eine ganz andere Sprache gesprochen. Offenbar fanden viele die Idee der Verschärfung des Paragraphen doch nicht so geil, wollten das aber im offenen Meinungsbild nicht zeigen. Und genau darum geht es. Frei seine Wahl treffen zu können, egal wie die Stimmung im Saal sich darstellt. Und es betrifft eben nicht nur irrelevante Minderheiten, die man als Partei so mitschleppt, sondern kann durchaus mehrheitsentscheidend sein.

Die strenge Unterscheidung in Wahlen und Abstimmungen ist dabei reichlich künstlich. Bei Wahlen ist die geheime Wahl gesetzlich vorgeschrieben, bei Abstimmungen ist sie aber durchaus ebenfalls sinnvoll, wenn es um etwas geht, bei dem großer sozialer Druck auf die Mitglieder ausgeübt wird. Das Missverständnis mit dem Minderheitenschutz rührt wahrscheinlich daher, dass auf dem Parteitag eine Minderheit für eine geheime Abstimmung sein muss, damit diese durchgeführt wird. Diese stellt aber letzenendes einen Kompromiss dar. Diese Hürde ist ein Weg, um zu ermitteln, ob überhaupt Bedarf an einer geheimen Abstimmung besteht. Ist das nicht der Fall, kann zur Zeitersparnis gerne offen abgestimmt werden. Eine Mehrheitsentscheidung für eine geheime Abstimmung führt allerdings das Instrument völlig ad absurdum, da dann diejenigen, die Schutz vor dem sozialen Druck suchen, sich alle erstmal dem sozialen Druck beim offenen Antrag auf geheime Abstimmung aussetzen müssen. Es ist ohnehin schon schlimm genug, wie Leute auf unseren Parteitagen behandelt werden, die eine geheime Abstimmung beantragen. Das stellt selbst den Kompromiss mit dem (offen geouteten) Minderheitenquorum für diese Anträge auf eine harte Probe, denn wenn die offenen Unterstützer einer geheimen Abstimmung auch bereits weggemobbt werden, kann deren Schutzzweck so irgendwann auch nicht mehr erfüllt werden. Dass wir immer wieder das Schauspiel erleben, dass die GO hin zu einer Mehrheitsentscheidung über geheime Abstimmungen geändert wird, muss man leider schon als ersten Etappensieg der Mobber betrachten. Das sollten wir in Zukunft nicht mehr mit uns machen lassen. Ein paar Minuten Zeitersparnis ist das nicht wert.

Und ich fürchte Online-Beschlüsse in einem verkorksten System, das selbst mit offenen Abstimmungen weiterhin manipulierbar ist, sind es ebenfalls nicht wert.

Selbst die Unterscheidung zwischen Beschlüssen und der eigentlichen Debatte steht allerings auf wackligen Beinen. Ich lese immer wieder, dass politischer Einfluss nicht anonym stattfinden darf. Das ist aber natürlich ein schlechter Witz. Parlamentswahlen, Volksentscheide und Vorstandswahlen finden ja auch unabhängig von Parteibeschlüssen sehr wohl unter dem Einfluss anonymer Personen statt. Aber auch den sonstigen politischen Einfluss auf Parteitagsbeschlüsse zu reduzieren, indem man festlegt, dass genau da keine Anonymität möglich sein darf, ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Natürlich findet politischer Einluss (abseits der Parlamente selbst) auch außerhalb von Parteitagsbeschlüssen statt. Was die Politik beeinflusst, wird wesentlich stärker durch die Ökonomie der Aufmerksamkeit bestimmt als durch unsere Beschlüsse. Während unser Parteiprogramm selbst viele unserer eigenen Mitglieder nicht sonderlich gut kennen, bringt die öffentliche Debatte in verschiedenen Themengebieten echte Veränderungen. Die Anonymität in der öffentlichen Debatte steht aber komischerweise nicht zur Disposition. Über ein Vermummungsgebot im Internet lachen wir, die Abschaffung der Anonymität bei Abstimmungen über Parteibeschlüsse soll aber eine Notwendigkeit sein. Das ist unsinnig. Wahrscheinlich hat es mit einer Überschätzung unseres Parteiprogramms zu tun. Die Idee, dass wir als Partei Kraft unserer Beschlüsse die Parlamente bzw. unsere Parlamentarier steuern würden, ist hier recht beliebt. Dass das Grundgesetz, angeblich unser inoffizielles Parteiprogramm, auch für unsere Abgeordneten festlegt, dass sie an Aufträge und Weisungen nicht gebunden sind, scheint sich aber noch nicht herumgesprochen zu haben. Wie sich die Fernsteuerung der Parlamentarier mit der Ablehnung der Fraktionsdisziplin (-zwang gibt’s ja nicht…) verträgt, konnte mir auch noch niemand erklären. Nein, tatsächlich legen unsere Beschlüsse in erster Linie das Auftreten und Verhalten unserer Partei und ihrer Vertreter fest. Das “Politik machen” findet sowohl auf unseren Parteitagen, als auch bei der Debatte im Netz oder außerhalb des Netzes statt. Beides wirkt sich auch auf unsere Parlamentarier aus. Anonymität hat dort überall ihren Platz und ihre wichtige Aufgabe Akzente abseits der populären Ansichten zu setzen. Auf Demonstrationen, die ja gerade dazu da sind politischen Einluss zu nehmen, wollen sogar mehrere Landesverbände das dort bereits existierende Vermummungsverbot wieder abschaffen und so mehr Anonymität im politischen Einluss ermöglichen. Die Grenzziehung zwischen dieser Art von politischen Einfluss und dem durch Parteibeschlüsse ist recht willkürlich. Über 100.000 Menschen auf der Straße gegen ACTA verändern die Politik mehr als ein paar Zeilen in einem Wiki, auch wenn diese Zeilen “offiziell” sind.
 

Ausblick

Bis hier hin klingt die Geschichte unseres durchaus mutigen Politikexperiments leider sehr düster. Tatsächlich wollen sich die Wünsche und Hoffnungen an das System noch nicht wirklich erfüllen. Die Laune verderben lassen muss man sich deswegen aber nicht. Experimente gelingen öfters mal nicht im ersten Wurf gleich so, wie man sich das erhofft hatte. Das heißt aber nicht, dass sie einen nicht voran bringen. Tatsächlich haben wir mit Liquid Feedback bereits Erfahrungen gemacht, von denen andere Parteien nur träumen können. Während die Parteien aus dem letzten Jahrtausend noch grübeln, wie sie Partizipation so simulieren können, dass sich genügend Wähler beeindruckt zeigen, sind wir schon mindestens 3 Schritte weiter. Nur am Ziel sind wir leider noch nicht.

Glücklicherweise steht die Entwicklung dieses Experiments aber nicht still. Zum jetztigen Zeitpunkt befindet sich unser Bundesliquid zwar noch im selben Zustand, wie bei seiner Einführung, aber für die Zukunft stehen Neuerungen wie ein automatischer Delegationsverfall gänzlich inaktiver Accounts, oder der gänzlich neue Systemkern, in dem z.B. das Auto-Ablehnen-Feature entfernt wurde, bereit. Das Team der Saftigen Kumquat entwickelt auch bereits an einer neuen Benutzeroberfläche, die u.A. die Delegationsauswirkungen besser darstellen und so bei der Beherrschung der Komplexität des Systems unterstützen soll.

Das Experiment steht nicht still, die Debatte darüber lebt und an Verbesserungen und Alternativen wird eifrig gearbeitet. Das erlaubt einen positiveren Blick in die Zukunft, als er für die Vergangenheit leider ausfallen muss. Ich freue mich bereits darauf die Entwicklung weiter zu verfolgen!

Zur Zeit haben wir allerdings ein Problem.

Der Ist-Zustand ist leider wie beschrieben. Der Inhalt des Systems ist mit den aufgezeigten Schwächen entstanden. Die verkorkste Abstimmung über eine mögliche Nominierung von Georg Schramm zum Bundespräsidenten war nicht die erste Initiative, die öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat. Die Medien interessieren sich inzwischen um einiges stärker für uns als früher, die Wähler auch, ebenso die politische Konkurrenz. Diese Gruppen merken auch nach und nach, dass sie unser Liquid Feedback auch von außen beobachten können und tun das auch vermehrt. Nur leider finden Sie dort nicht, wie sie glauben, die Ansichten der Piratenpartei wieder, sondern auf mehrfache Art und Weise vermurkste Meinungsbilder einer bestimmten Teilgruppe der Piraten. Das ist… schlecht.

Es ist einfach Quatsch, dass 11% bei uns Parteiensponsoring nicht klar regeln wollen, dass 17% Bradley Manning nicht unterstützen wollen, dass 11% nichts gegen Linkhaftung tun wollen, dass 16% diese Forderungen wegen des Bundestrojaners nicht mittragen würden, dass 9% keinen freien Zugang zu öffentlichen Inhalten haben möchten. Noch krasser sind die Initiativen von vor dem Berlin-Hype. Da sieht es so aus als würden 42% kein OpenGovernment wollen, 39% keine transparente Politik, 37% keinen Aufbruch in eine neue Energiezukunft, als wollten 18% dieses Positionspapier zu Jugendschutz nicht, 17% Censilia nicht stoppen, 16% die Vorratsdatenspeicherung nicht stoppen, ach, man könnte ewig so weitermachen. Das ist alles Humbug. Diese Themen sind allesamt quasi Konsens bei uns. Ähnlich wirkt sich das natürlich auch auf Themen aus, die wahnsinnig umstritten bei uns aussehen, das aber gar nicht sind. Und das ist nur der Effekt des Auto-Ablehnens. Dazu kommen noch zahlreiche Themen, für die sich kaum mehr als der jeweilige Topdelegierte begeistern können, oder bei denen dieser zustäzlich zu den Auto-Ablehnern fast der einzige ist, der etwas dagegen hat. In einem Blick von außen auf das System erkennt man das nicht. Welche Themen eher ein Fetisch der besonders aktiven Liquid Feedback Fans sind oder gerade bei dieser Gruppe besonders unbeliebt sind, erkennt man an den Umfrage-Ergebnissen auch nicht.

Wir kommen um die Frage nicht herum, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Anderen Leuten Liquid Feedback-Ergebnisse unter die Nase zu halten, ist sozusagen Mode geworden in letzter Zeit. Erkenntnisse über die Piratenpartei als ganzes gewinnt man so aber eher nicht. Diese werden leider nur vorgetäuscht, was weder uns noch die interessierten Beobachter zufrieden stellen sollte.

Knifflig wird auch die Frage, wie der nächste Bundesvorstand mit den Ergebnissen des Systems umgehen soll. Der bisherige Vorstand war da eher zurückhaltend, ich denke absolut zurecht. Wenn Umfragen in der Partei den Vorstand wirklich dazu bringen sollen seine eigene Einschätzung zurückzustellen, dann müssen diese auch wirklich die Partei widerspiegeln. Tut sie das nicht haben wir quasi unfreiwillig eine Art innerparteiliche Lobbygruppe mit der eigentlichen Gestaltungsmacht ausgestattet.

Auch die Frage der Benutzerverwaltung stellt sich bei einer Beschlusskraft, oder etwas ähnlichem, durch das System ganz anders. Dass diese mal eine Zeit lang holprig läuft oder still steht, ist mit dem Aufwand, den das macht, leicht zu erklären. Dass hier und da Accounts nicht gesperrt werden, obwohl das eigentlich so sein müsste, ist in geringem Maße nicht so tragisch. Momentan ist es das alles auch nicht ganz so schlimm, wie so manches wartende Neumitglied vielleicht denkt, da man ja keinerlei wirkliche Entscheidungen verpasst. Macht man das System aber zu einem Organ, steigen die Anforderungen in diesem Bereich gewaltig. Diese muss man dann auch erfüllen können.

Was können wir also tun?

Ich kann da nur ein paar Vorschläge liefern, keine Komplettlösung. Zum einen sollten wir meiner Meinung nach erstmal aufhören mit den bestehenden Umfragen im System hausieren zu gehen. Wir täuschen damit nicht nur uns selbst, sondern auch diejenigen, die sich für uns interessieren. Wenn die bereits beschriebenen Neuerungen in Kraft getreten sind, können wir damit erneut Erfahrungen sammeln. Ich rechne mit einer deutlichen Verbesserung der Situation, ob diese dann zufriedenstellend sein wird, müssen wir dann sehen.

Außerdem sollten wir die Weiterentwicklung nicht dort stehen lassen. Ich halte den Vorschlag mit dem stimmrechtslosen Zweitaccount immernoch für einen geeigneten Weg die Pseudonymität im System besser zu gestalten und so mehr Mitgliedern ein konstruktives Mitwirken zu ermöglichen. Die zur Zeit diskutierte Klarnamenspflicht wäre hier leider sehr kontraproduktiv und, wie beschrieben, für die Nachvollziehbarkeit schlicht nutzlos und für die Transparenz sinnlos.

Solange niemand einen brauchbaren, wirkungsvollen Vorschlag macht die Abstimmungen im System manipulatonssicher zu gestalten, werden wir uns wohl auch damit abfinden müssen, dass wir Manipulationen nicht ausschließen können. Eine harte Beschlusskraft des Systems ist daher wohl immer eine schlechte Idee. Zur Beratung von Vorständen und Abgeordneten (bei letzteren schon allein rechtlich maximal für das) könnte es irgendwann trotzdem nützlich sein, wenn diese die Ergebnisse auch ignorieren können, wenn sie ihnen fishy vorkommen, oder zu knapp sind. Wenn wir es schaffen die Ergebnisse repräsentativer zu machen, können sie uns auch von Nutzen sein, wenn nicht, dann schaden sie möglicherweise mehr als sie nützen.

Die Probleme des Auto-Ablehnens und der Benutzeroberfläche werden sich die die anstehenden Updates wohl in den Griff bekommen lassen. Das geringe Ansehen des Systems hat sich inzwischen ein wenig relativiert. Die alten Gräben sind zwar noch da und brechen gelegentlich wieder auf, betreffen relativ gesehen aber nur noch einen kleiner werdenden Teil der Partei, zumindest solange das Niveau der Debatte nicht wieder in den Keller geht. Das Thema Datenschutz ist erstmal eine Frage des Willens. Wohin da die Reise geht, vermag ich nicht vorherzusagen, und das Thema Delegationen, nun, sagen wir es bleibt weiter spannend. ;) Ich halte ja immernoch die komplette Abschaffung für den effektivsten und effizientesten Weg das Problem zu lösen, habe inzwischen aber auch schon interessante Vorschläge für eingeschränkte Delegationsfeatures gehört.

Die neue große Herausforderung wird aber wohl die Repräsentativität des Systems werden. Wenn es da nicht besser wird, werden wir auch in Zukunft nicht viel von den Abstimmungsergebnissen haben. Zumindest nicht alle von uns…

Kommentare
  1. Radischen-Rupfer sagt:

    Das System hat gespalten; die Datenschützer konnten nicht mitgenommen werden. Statt deren Interessen verstärkt zu berücksichtigen – und dafür gibt es sehr wohl Möglichkeiten ! Default intern anonyme/pseudonyme Accounts und erst ab z.B. 5 Delegationen Transparenz – wurden sie mit Unverständnis abgewiesen und ignoriert. Das ist ein schwerer Fehler.
    So lange nicht ernsthaft versucht wird, die konzeptuellen Bedenken in Bezug auf Liquid Feedback zu lösen, kann ich das System nicht für voll nehmen. Und das stammt von jemanden, der die Datenschutz-Nummer nicht so eng sieht.

  2. V. sagt:

    Du schreibst: “Solange niemand einen brauchbaren, wirkungsvollen Vorschlag macht die Abstimmungen im System manipulatonssicher zu gestalten…”

    Hierzu kann ich nur raten: Sprecht mal mit Leuten, die sich tiefgehend mit Kryptografie auskennen. Für viele Problemstellungen existieren seit Jahren Lösungen, die nur eingebunden werden wollen.

  3. Semon sagt:

    Sehr gut, besser als der erste Teil !
    Schön ist auch das versönliche Ende :-)

  4. bothie sagt:

    @V: Kryptographie baut auf Vertrauen auf – web-of-trust. Irgendwem mußt Du vertrauen, sonst zerlegt’s Dir das ganze Kryptographie-Gebäude in tausend Stücke.

  5. Archibald 'Harry' Tuttle sagt:

    Hallo StreetDogg,

    hallo Folks,

    besten Dank für diesen Report. :-)

    Zu Zitat und Inhalt von: “Diese Eigenschaft kommt weder aus dem direktdemokratischen noch aus dem repräsentativen Element, sondern entsteht in Liquid Democracy überhaupt erst.”

    Das Problem, besser gesagt, Phänomen ist seit mindestens dem vorletzten Jahrhundert bekannt, und zwar aus Preußen sowie weiteren Pseudo-Demokratien dieser sogenannten guten alten Zeit, die ja derweil leider von vielen Leuten auch wieder angehimmelt wird.

    Es handelt sich im Grunde genommen einfach nur um das Mehrklassenwahlrecht, ein Mehrklassenwahlrecht der Version 2.0 sozusagen! ^^ Man unterscheidet zwischen Einwohnern, Bürgern und Vollbürgern, die alle unterschiedliche Stimmgewichte haben; nur, dass die Einwohner und Bürger ihrer Entmachtung diesmal auch noch selbst zustimmen, sie sogar persönlich veranlassen. *lol*

    Oh tempora oh mores.

    (Un)frohe Ostern

    ~ Harry

    Signatur(e)freier Blog-Kommentar

  6. Qlaus sagt:

    Ich habe gerade erst angefangen mich ausführlich mit dem Thema Liquid Democracy zu beschäftigen, doch ich habe schon etliche Diskussionen über das für und wider von Delegationen gehört, gelesen und geführt. Aber ich muss sagen dass du mit diesem und auch dem vorhergehenden Post bei weitem die sachlichste und am besten recherchierte Argumentation ablieferst die ich gesehen habe. Kompliment und vielen Dank für die viele Arbeit und die erhellenden Einsichten! Du hast bewirkt, dass ich mich als delegationsbeführworter auf die folgende Diskussion sehr freue. Auch hierfür: Danke!

  7. [...] fehlende Reflexion bedingt durch die Intransparenz des Systems ein Witz. Es war ein netter Versuch, hat aber auf ganzer Linie gefailt. Wenn wir tatsächlich Leute haben wollen, die sich intensiv und schnell mit Detailarbeit [...]

  8. [...] wird behauptet Liquid Feedback wäre transparent, das stimmt aber überhaupt nicht. Es ist für den einzelnen kaum möglich darüber schlau zu werden, was in dem System genau vor [...]

  9. phil-wendland sagt:

    Street Dogg .. du hast schon wieder eine Wahnsinns Arbeit und Analyse gemacht. Ich sehe Schwarm und Stimmungsentscheidungen etwas kritisch, aber nach Deine Analysen denke ich immer wieder gern, ja ich will in einer Partei sein, die solche guten Spinner hat.

    Gruß

    Phil-Wendland

    Falls es dich interessiert. Wir haben im digitalen Grillen in Nds alle unsere Kandidaten zum Landtag zur Nutzung des LQFB (Bundesinstanz) befragt.
    Ergebnis (alle Kandidaten, die geantwortet haben)
    Keine Nutzung 50
    Kaum Nutzung 9
    aktive Nutzung 8
    unklar/ ausweichende Antwort 8

    Jetzt nochmal meine Auswertung unter den 16 gewählten Kandidaten (Wahlgang 2 ging bis Platz 16)

    keine Nutzung 9
    kaum Nutzung 2
    aktive Nutzung 2
    unklar, fehlende Antwort 3

  10. *** OLDEST TAB AWARD! ***
    Nach fünf Monaten hab ich das endlich mal zuende gelesen. Ich erfinde hiermit einen Nerd-Hit:
    “Hey, hey, hey! Ich bin der offene Reiter…”
    Im Ernst: Tausend Dank für Deine “mühevollste Kleinarbeit”.

    Inzwischen hat das LQFB ja wirklich schon einige große Sprünge nach vorne gemacht.
    Die problematischsten Kritikpunkte schaltet man immernoch so aus:
    Einloggen und abstimmen!
    Selber benutzen und neue Benutzer bringen!

  11. Ingrid Kuhn sagt:

    Streetdogg, deinen Beitrag zu Delegationen finde ich sehr interessant und ausführlich ! Es würde mich interessieren wie du die Grafiken hergestellt hast, und wie viel Zeit du dafür gebraucht hast. Eine Masterarbeit müsste darüber geschrieben werden !! und ich denke ich werde mich dem Delegationsproblem widmen. Hättest du auch Zeit für eine Interview ?? Schreib mir bitte zurück, es würde mich sehr freuen ;)

    Grüße,

    Ingrid Kuhn

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