How it’s done – vielleicht

Veröffentlicht: 22. April 2012 in Basisdemokratie, Piraten

Hooray! Basisdemokratiedebatte!

Ich schätze mal ich bin nicht allein damit, dass ich das Land gerne mit inhaltlichen, politischen Themen rocken würde, aber so Leid es mir tut, in mindestens einer der Debatten über uns selbst müssen wir zwangsweise vorankommen, bevor wir endlich mit voller Kraft inhaltlich werden können. Wir müssen irgendwie zu Inhalten kommen und brauchen dafür einen funktionierenden Weg.

Die Kriterien für neue Inhalte sehe ich bei:

  1. Qualität
  2. Geschwindigkeit
  3. Masse

Und zwar in durchaus wertender Reihenfolge.

Qualität

Hier sehe ich ehrlichgesagt auch gleich unser größtes Problem. Qualität entsteht nicht durch ein Beschlusssystem. Qualität muss vorher entstehen.

Was wir brauchen ist eine lebendige Ursuppe an Ideen. Aktuell haben wir verschiedene Wege diese Suppe am köcheln zu halten.

Zum einen haben wir z.B. die AGs. Das Problem an den AGs ist, dass diese in den meisten Fällen nur im kleinen Kreis stattfinden. Ein paar einsame Gestalten treffen sich ab und zu im Mumble oder ähnliches und zoffen sich da dann um das Förmchen. AGs müssen meiner Meinung nach viel mehr Marketing betreiben (und zwar bitte, bitte, in die Partei hinein und nicht per Pressemitteilungen oder Presseinterviews nach außen!!!). Es gibt ein paar wenige AGs, die ab und zu von sich hören lassen, insgesamt ist das aber noch viel zu wenig. Wenn in den AGs wirklich gute Ideen köcheln, dann tragt sie in die Partei hinaus! Das ist kein optionaler Vorgang, das muss erstens ohnehin passieren, um Mehrheiten zu erlangen und zweitens müssen wir das nach dem Beschluss ohnehin auch mit den Bürgern hinbekommen.

Außerdem haben wir noch verschiedene Mailinglisten oder Mumble-Schnatterrunden mit in irgendeiner Form interessierten Teilnehmern. Ich würde darauf nicht ganz verzichten wollen, da es wenigstens einen kleinen Beitrag zur Vernetzung liefert, aber der Bullshitanteil ist dort so hoch, dass die Zeit von jedem einzelnen sehr ineffizient vergeigt wird. Das bringt uns nicht zum Ziel.

Wir veranstalten ab und zu mal Reallifetreffen, wie die OpenMind, das Nordbadentreffen, das Sozialpiratentreffen und inzwischen erfreulich viele andere. Das ist gut! Sehr gut sogar! Das müssen wir noch deutlich ausbauen, regional streuen, thematisch verbreitern und immer schön streamen und aufzeichnen. Über Mechanismen, wie z.B. die Flaschenpost sollten wir hier auch unsere parteiinterne vierte Gewalt ausbauen. Nicht jeder hat die Zeit sich immer alles reinzupfeifen, aber mit Mitteln des Journalismus kann man vieles trotzdem in die Breite Tragen und die Ursuppe damit kräftig umrühren.

Es gibt natürlich auch noch Liquid Feedback. Und genau dieser Bereich hier ist derjenigen, in dem ich die Stärken des Systems sehe. Ich habe mich hier schon eine Menge mit Liquid Feedback als Beschlusssystem auseinandergesetzt (wo ich es für eine mittelschwere Katastrophe halte), dabei aber immer betont, dass ich das System nicht generell ablehne. Denn eines kann es im Grunde wirklich: Die Ideenursuppe in die Breite tragen. Wenn wir uns nicht so §%$#*!# in die hoffnungslosen Beschlussfassungsversuche verrennen würden, könnte man dem System eine benutzerfreundliche Vereinfachung verpassen, den Datenschutz ausbauen, die Quasi-Moderation der Delegationsgatekeeper abschaffen und damit eben genau diese Stärke des Systems, Ideen aus der Breite der Partei zu holen und sie wieder in die Breite der Partei hinauszutragen, viel stärker nutzen.

Ich bedaure ein wenig, dass die Antragsfabrik weitestgehend von Liquid Feedback wegkanibalisiert wurde. Sie war nicht so wahnsinnig Benutzerfreundlich, aber sie hatte einen gewaltigen Vorteil: Die Leute, die sich dort beteiligt haben, haben häufig nicht nur „like“ oder „dislike“ gedrückt, sondern das auch begründet, oder zumindest kurz kommentiert. Das ist für das inhaltliche Vorankommen eigentlich Gold wert und fehlt in Liquid Feedback quasi komplett.

Der einzige Ort, wo das meiner Beobachtung nach halbwegs funktioniert, ist die Blogosphäre in Verbindung mit Twitter (und teilweise Mailinglisten, Facebook, oder anderen Kommunikationskanälen). Auf privaten Blogs sammelt sich bei uns das KnowHow. Da geben sich Leute wirklich Mühe etwas halbwegs kohärentes Zusammenzuschreiben. Durch die sozialen Verbreitungskanäle trennt sich automatisch die Spreu ein wenig vom Weizen. Das ist allerdings sehr dezentralisiert und mehr oder weniger flüchtig.

Um das zu verbessern, entwickle ich gerade ein Tool, das sich auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit beliebigen Themen konzentriert und ausdrücklich nicht auf Antragsformulierungen oder Beschlüsse. Dort können Beiträge verfasst, oder gleich Blogbeiträge verlinkt, werden. Diese bleiben im System bestehen, werden über soziale Mechanismen präsent gehalten und können so längerfristig in die Breite wirken. Wenn wir inhaltlich vorankommen wollen, müssen wir das flüchtige KnowHow, das wir haben, ausbauen, sammeln und längerfristiger der breiten Masse zugänglich machen. Wir brauchen Mittel und Wege uns selbst fortzubilden, sowohl mit Informationen als auch mit Meinungen. Mein Ansatz dazu ist noch im Alpha-Stadium, wer sich dafür interessiert, kann sich aber bei mir melden und ein wenig mittesten. Auf dem BPT kann man dafür auch zu mir kommen. Wenn ich die Benutzerverwaltung ein wenig ausgebaut habe, werde ich damit auch mehr in die Breite gehen. Vielleicht hilft das ja unsere Ideenursuppe, die zur Zeit hauptsächlich in weitestgehend gekapselten AGs, auf LV-Ebene und in Liquid Feedback vor sich hin blubbert, in eine Ideen-, Informationens- und Meinungsursuppe zu verwandeln. Dann haben wir die notwendigen Zutaten zusammen, um Qualität produzieren zu können.

Zur Zeit haben wir diese Zutaten eher nicht. Wir haben viele Ideen, die werden geballt zu den Parteitagen in den Raum geworfen (wenn die Leute sich nicht gleich sagen „kommt ja eh nicht dran“ und ihre Ideen stecken lassen), dann hecheln alle schnell über die Liste und sortieren in „klingt gut“ und „klingt scheiße“ und dann stimmen wir einfach nach Gefühl ab. Das ist Müll. Da kann per Glückssache was brauchbares dabei rauskommen, z.B. wenn die Antragssteller in ihrer kleinen Runde tatsächlich Leute hatten, die wirklich wissen was sie tun, aber wir haben keinen Mechanismus, der das sicherstellt. Wir hoffen halt das Beste, der Schwarm wird’s schon richten…

Geschwindigkeit

Solange wir nicht in der Lage sind zuverlässig Qualität aus der Ideenursuppe herauszufiltern, brauchen wir uns eigentlich gar nicht erst über die Geschwindigkeit der Beschlussfassung zu unterhalten. Trotzdem entsteht uns aufgrund unserer „Unfertigkeit“ natürlich ein großer Druck und viele wollen dem durch Beschlüsse entgegentreten.

Es gibt verschiedene Ansätze, wie wir aus der Ideenursuppe zu Aussagen der Partei kommen könnten. Diese laufen meistens darauf hinaus die Geschwindigkeit zu erhöhen. Ich denke aber wir sollten uns mehr Gedanken darüber machen, ob das wirklich unser Problem ist.

Mal ganz ehrlich, haben wir deshalb zur Eurokrise nichts zu sagen, weil wir zu wenige Bundesparteitage haben? Oder liegt das nicht vielleicht eher daran, dass wir bisher keine qualitativ hochwertigen Aussagen aus der Ideenursuppe gepfrimelt haben? Wieviele Bundesparteitage hatten wir eigentlich schon, seit die Eurokrise angefangen hat? Wäre es da prozessual unmöglich gewesen unsere Lösung zur Eurokrise zu beschließen? Ich denke jawohl eher nicht. Wir beschließen aktuell 2 mal im Jahr auf Bundesebene. Im Prinzip dürften wir nur bei den Themen ein Problem haben, die nicht bis zu maximal einem halben Jahr nach ihrem Aufkommen warten können. Meiner Meinung nach gibt es die fast gar nicht, zumindest nicht im legislativen Bereich, der uns momentan hauptsächlich betrifft.

Wir müssen bei der Geschwindigkeit zwischen zwei Dingen unterscheiden: Neues Thema erscheint, die nächste Beschlussgelegenheit ist aber noch weit hin (i.d.R. aber <0,5 Jahre). Altes Thema ist schon immer da, wir haben aber bisher nicht geliefert.

Wir sind nunmal eine unfertige Partei. Es gibt uns noch nicht lange, die politischen Themen sind sehr zahlreich und wir haben einen riesen Haufen anderen Scheiß zu tun, den wir nicht einfach weglassen können (z.B. Basisdemokratiedebatten führen, aber auch so ein Kram wie Unterschriften sammeln, Vorstände wählen, unsere eigene IT betreiben, unser gesamtes Marketing selbst aus dem Boden stampfen, uns zu verwalten, usw.). Themen, wie z.B. der Afghanistankrieg, sind beim besten Willen nicht neu. Wir hätten schon bei der Parteigründung eine Position dazu beschließen können, wenn wir eine gehabt hätten. Hatten wir aber nicht und haben wir immernoch nicht. Nachdem die Kerni- und Volli-Debatte ja nun wohl weitestgehend ausgestanden ist, können wir uns ja jetzt aber mal dran machen eine Position dazu zu entwickeln. Das wird aber leider viel zu häufig mit "eine Position beschließen" verwechselt. Das ist aber nicht das selbe. Wir können uns ein Klicksystem zusammenzimmern, in dem wir alles beschließen, was es überhaupt irgendwo gibt. Könnten wir einfach machen. Ist aber Moppelkotze. Denn zuerst müssen wir diese Positionen entwickeln und das braucht Zeit. Ja, das ist doof und ja, wir werden dafür in Interviews genervt und die Leute da draußen schütteln den Kopf über unsere Nicht-Antworten, aber wir beschleunigen unsere Entwicklung nicht einfach mal so, indem wir unsere Beschlussfassung beschleunigen. Damit verarschen wir uns bestenfalls selbst. Wir bauen Politikattrappen auf, statt geile Politik zu machen. Ich will aber kein potemkinsches Parteiprogramm. Ich bin ein altmodischer Anhänger von "wo wir keine Ahnung haben, da halten wir halt auch mal die Kresse". Auch wenn's weh tut. Mir persönlich tut es mehr weh, wenn wir Ahnung vortäuschen und irgendwelchen Stuss nach außen tragen.

Wir werden noch einige Jahre brauchen, um wirklich in allen, oder wenigstens fast allen, Themen qualifiziert mitreden zu können. Wir können an unserem Entwicklungsprozess arbeiten, diesen verbessern und auch beschleunigen, aber ich mahne doch dazu ihn nicht zu verwässern, oder mit technischen Mitteln einfach wegzurationalisieren. Das wird uns sehr bald einholen und um die Ohren fliegen. Stattdessen sollten wir die Arschbacken zusammenkneifen und unbeirrt unseren Weg gehen, den Weg der kontinuierlichen Weiterentwicklung, Stück für Stück zu mehr geiler Politik, so schnell, wie wir es hinbekommen, so langsam, wie es eben sein muss.
 
Zum Thema hinbekommen sollten wir unsere Parteitage stärker in Augenschein nehmen. Diese sind leider immernoch reichlich ineffizient. Und das fängt mit der Tagesordnung an. Wir müssen Wege finden die Qualität aus der Ideenursuppe herauszufischen und in Anträge umzusetzen. Und dann müssen wir Wege finden auf den Parteitagen diese Qualität auch zu behandeln. Die aktuelle Art der TO-Bestimmung leidet in allen Varianten an der Masse der Anträge. Das wird in Zukunft mit mehr Mitgliedern garantiert nicht besser werden. Ich bin ein großer Fan von Antragshürden und hoffe sehr, dass wir das in Neubings beschließen. Es schadet unserer Basisdemokratie sicher nicht, wenn sich wenigstens ein paar Fürsprecher finden müssen, damit ein Antrag die Berechtigung erhält 30.000 Parteimitglieder zu belästigen. Wenn wir den größten Kack erstmal aussortiert haben, können wir durch solche Umfragen, wie z.B. bei diesem Parteitag, auch die Qualtität nach vorne in der TO spülen. Wenn dort dann die unkontroversen Sachen landen, bekommen wir die auch schnell durchgewunken. Viele Landesverbände haben das bereits vorgemacht. Außerdem haben Antragshürden den schönen Nebeneffekt, dass die Ideen früher präsentiert werden müssen und wir so eher die Chance bekommen die Ideen mit KnowHow und Meinungen durchzukneten. Ich bin auch gespannt auf das Ergebnis der Präferenzwahl bei der TO-Umfrage. Präferenzwahlen haben den Effekt konsensfähige Sachen nach vorne zu spülen. Das ist für Programmanträge vor allem deshalb gut, weil wir die dann schnell durchwinken können.

Wenn wir das hinbekommen, Qualität aus der Ideenursuppe zu fischen, diese frühzeitig ordentlich mit KnowHow und Meinungen durchzukneten, sie in der TO nach vorne zu spülen und dann schnell durchzuwinken, dann bekommen wir das Problem der unfertigen Partei innerhalb weniger Jahre in den Griff. Auch die Vorstandswahlen lassen sich noch optimieren, sodass wir 2 mal im Jahr gut was wegschaffen können. Prozessual ist das ausreichend, uns bremst dann nur noch unser eigener Mangel an Ideen. Wo wir die nicht haben, sind wir eben zum Kressehalten verdammt. Künstlerpech…

Bleibt noch das Problem der kurzfristigen politischen Herausforderungen. Ich denke als Partei können wir in den meisten kurzfristigen Sachen durchaus unseren Senf abgeben, wenn wir die Thematik an sich bereits programmatisch behandelt haben. Das ist dann meistens eine Frage der Auslegung und der Detailierung. Wenn wir ein geiles Programm haben, erleichtert das die Sache ungemein. Es liegt also auch an unserer langfristigen Arbeit, wie wir bei kurzfristigen Problemen performen können. Trotzdem werden wir konkrete Fragestellungen aber natürlich nie 100% durch das Parteiprogramm abdecken können.

Wenn wir irgendwo tatsächlich grundsätzliche Leitlinien im Programm beschlossen haben, sollten wir vielleicht auch einfach mal etwas entspannter bleiben. Das ist jetzt der Moment, in dem ihr in Rage-Laune kommen dürft, aber wir sollten uns hier mal dringend von einer dieser hübschen kleinen Lebenslügen verabschieden: schnell und basisdemokratisch schließen sich gegenseitig aus. Leider nicht so geil, aber es ist so. Wenn es richtig ins Detail geht und darüber hinaus auch noch schnell gehen muss, kann nicht jeder Horst und sein Hund an der Problemlösung mitwirken. Das ist ein Fulltime-Job und man braucht zahlreiche Ressourcen dazu. Genau darum gibt es so ungefähr in allen Demokratien auf der Welt ein repräsentatives System. Da bekommen Leute Kohle dafür, dass sich sich den ganzen Tag freihalten können sich mit dem ganzen Kram zu beschäftigen. Die bekommen sogar nochmal extra Kohle, um sich Räumlichkeiten, Personal und weiß der Kuckuck nicht alles noch dazu leisten zu können. Das bekommen sie, damit sie die Aufgabe bewältigen können. Jeder Horst und sein Hund bei uns hat das alles nicht und kann diese Aufgabe deshalb auch nicht bewältigen. Deal with it!

Es tut mir Leid, aber für diese Aufgabe braucht es spezifische Leute, die das auf die Reihe kriegen. Wo wir in Parlamenten sitzen, sind das automatisch schonmal die Parlamentarier. Wenn wir noch nicht in Parlamenten sitzen und trotzdem unseren Senf zu solchen schnellebigen Dingen abgeben wollen, brauchen wir entsprechende Leute auf Parteiebene. Es gibt dort Ideen das mit Themenbeauftragen oder AG-Sprechern zu machen, das ist aber alles noch nicht so ganz rund. Es braucht natürlich Mechanismen, ähnlich wie die einer Listenaufstellung für Parlamentarier, die dafür sorgen, dass das nicht einfach irgendwer macht, der dann seine eigene Agenda pusht und wir ihn nicht mehr los werden. Da muss noch ein bisschen Hirnschmalz reinfließen, bis da ein funktionstüchtiges Konzept zusammenkommt, aber in die Richtung wird es gehen. Da braucht man kein Prophet zu sein, um das sagen zu können.

Der ein oder andere hibbelt jetzt wahrscheinlich schon auf seinem Stuhl herum, denn, oh staun, oh staun, das geht in die Richtung der Idee der Liquid Democracy. Ja, toller Keks. In der Theorie sollte das ein Weg sein solche Leute zu bestimmen, aber es tut mir Leid, Liquid Feedback verkackt ihn auf ganzer Linie. Die Leute, bei denen sich die Delegationen ansammeln, sind mitnichten einfach mal die großen Experten in der jeweiligen Sache, kein Schwein kann sagen, ob die tatsächlich mehr Zeit und KnowHow bzw. Ressourcen haben, um sich mit den Themen zu beschäftigen, als Horst oder wenigstens sein Hund. Die Auswahl der Personen mit globalen und transitiven Delegationen ist geradezu absurd, die Aufteilung der Themenbereiche unbrauchbar, die fehlende Reflexion bedingt durch die Intransparenz des Systems ein Witz. Es war ein netter Versuch, hat aber auf ganzer Linie gefailt. Wenn wir tatsächlich Leute haben wollen, die sich intensiv und schnell mit Detailarbeit beschäftigen können und demokratisch kontrolliert qualitativen Output für die Partei erzeugen können, dann müssen wir uns leider einen besseren Weg einfallen lassen, diese zu finden.

Ich bleibe aber eh dabei, dass das aktuell nicht unser drängenstes Problem ist. Die Leute erwarten von uns zur Zeit gar keine präzisen Detaillösungen für die konkreten Probleme und wir sind auch gar nicht in der Position diese umzusetzen. 99% aller Inhalte, die von uns zur Zeit erwartet werden, können noch durch ordentliche Programmarbeit abgefackelt werden. Wenn wir mal in Regierungen sitzen, mag das etwas anders aussehen, aber ich hoffe doch schwer dafür geben uns die Wähler noch ein wenig Zeit…

Bleibt eigentlich nur noch das Problem des Verhältnisses zwischen den Fraktionen und der Partei. Hier sehe ich die Situation allerdings ähnlich, wie das Verhältnis zwischen dem Parlament und dem Bürger. Das Parlament gibt es, um diesen Politikscheiß für uns zu machen. Die bekommen von uns die notwenigen Mittel, um das bewerkstelligen zu können und wenn sie es nicht gebacken bekommen, dürfen wir sie zum Teufel jagen. Das funktioniert nicht so ganz zufriedenstellend, deshalb gibt es die Freuden der direkten Demokratie. Eben wegen der Intensität und Komplexität der täglichen Aufgaben der Parlamentarier taugt diese aber nur zur Ergänzung der repräsentativen Demokratie. Sie kann als korrektiv genutzt werden, um freidrehende Parlamentarier wieder einzufangen. Dafür müssen die Hürden für direktdemokratische Elemente in sinnvollem Maße niedrig genug sein. Das ist im Großteil unserer Partei so ein erklärtes politisches Ziel. Das selbe gilt letztenendes auch für unsere eigenen Fraktionen. Wir können hier ein bisschen wilder herumexperimentieren, und sollten das auch tun, aber die Fraktionen komplett aus der Partei fernzusteuern ist nicht sinnvoll, auch nicht wenn man sich geschickt um die grundgesetzlich geschützte Gewissenfreiheit herummanövriert. Es macht überhaupt keinen Sinn Parlamentarier mit all ihren Ressourcen auf komplexe Sachverhalte loszulassen und diese dann im Schnellverfahren durch die breite Masse an Hobby-, Freizeit- und Gelegenheitspolitikern entscheiden zu lassen. Stattdessen sollten sich die Parlamentarier lieber in der Ideen-, KnowHow- und Meinungsursuppe der Parteibasis bedienen und mit all ihren Möglichkeiten geile Politik daraus formen. Für die Parteibasis kann man dann immernoch plebiszitäre Elemente zur Korrektur freidrehender Parlamentarier schaffen, aber eben mit sinnvollen Hürden, für wenn es auch tatsächlich notwendig ist und einen Mehrwert bietet und nicht für jeden einzelnen Scheiß.

Lange Rede, kurzer Sinn: Geschwindigkeit ist fast immer überhaupt nicht unser Problem. Das wir unfertig sind ist Pech, werden wir aber korrigieren können. Dort wo Geschwindigkeit tatsächlich notwendig ist, ist Basisdemokratie nicht unbedingt immer der richtige Weg.

Masse

Zuguterletzt noch die Masse an Themen, die wir bearbeiten. Ich habe schon einiges davon vorweg genommen. Wir sind eben unfertig, wir arbeiten dran und wir werden Stück für Stück für mehr Masse sorgen.

Was aber machen wir mit dem Zeug, das wir nicht hinbekommen? Das, was immer weiter nach hinten verschoben wird, oder wo gar nicht erst irgendwas kommt, was wir verschieben könnten?

Meine Antwort dazu: Drauf geschissen!

There is no such thing as Vollprogramm. Noch so ein Lebenslügending, aber hier eins, das viele außerhalb der Partei mit uns zu teilen scheinen.

Wir sind keine Komplett-Rundum-Sorglos-Volks-Einheitspartei to rule them all. Wir sind die Piratenpartei. Und wenn wir in irgendeinem Themenfeld keine Politik anbieten, dann ist das eben so. Wenn einem Wähler das nicht passt, soll er halt was anderes wählen.

Wir machen ein politisches Angebot an dieses Land. Das beinhaltet, was es eben beinhaltet. Es ist das was uns wichtig ist, wo wir uns für fähig halten es besser zu machen und wo wir liefern können. Dieses Angebot kann man annehmen, oder es eben bleiben lassen. Wir müssen uns aber nicht verbiegen, um es auch dem letzten Recht zu machen. Und wir sollten uns das auch nicht einreden lassen.

Klar müssen wir in Parlamenten alles mögliche an Gebimsel mitbearbeiten, aber wir können sehr wohl trotzdem zu den Wählern sagen: Das haben wir im Angebot, so ist unsere Denke (dazu blogge ich übrigens bald auch noch was ;)) und wenn wir Sachen bearbeiten müssen, die da nicht dabei sind, geben wir unser Bestes was brauchbares zu machen und freuen uns, wenn Ihr uns dabei helft, denn wir sind halt auch die mit den Fragen.

Und wenn wir dann im Parlament sitzen und solche Themen vor die Nase gesetzt bekommen, dann machen wir eben genau das. Das gleiche geht auch jetzt schon, in unserem aktuellen, unfertigen Dasein. Zumindest scheinen das krass viele Wähler so zu sehen. Es gibt da gar keinen Grund uns was anderes einreden zu lassen…

Kommentare
  1. Du sprichst valide Defizite an; IMHO gehts aber am Kern des Problems vorbei.

    Ein demokratischer Prozess der Positionsfindung besteht aus mehreren Phasen; je nachdem wie du es aufgliedern willst, jedenfalls grob aus Initiative, Diskurs und Entscheidung. Unser Diskurs ist sicher verbesserungswürdig, aber nicht das Kernproblem.

    Sicherlich gibt es viele miese Anträge beim BPT; aber behandelt werden diese äußerst selten. Stattdessen gibt es viele gute Anträge, die nicht behandelt werden und bereits seit mehreren Jahren in der Warteschlange stehen – von vielen Dingen die nicht einmal eingereicht werden, ganz zu schweigen. Da helfen auch Antragshürden nichts, außer Bürokratie zu schaffen, immerhin müssen sie ja auch kontrolliert werden.

    Damit ist klar wo das Strukturproblem primär liegt: In der Entscheidungsphase. Qualitativ hochwertigen Output haben wir genug, der Flaschenhals ist der Parteitag.

    Das mag man jetzt noch ignorieren können, weil wir ja so toll fahren mit Lücken im Programm, aber das kann kein Plan auf Dauer sein.

    Es liegt auf der Hand, dass die Wachstumsschmerzen zunehmen werden: Mehr Mitglieder, weniger effiziente Parteitage bei gleichzeitiger Diversifizierung des Programmes durch eine Diversifizierung der Mitglieder, mehr Ebenen (bspw. kommt EU noch dazu), mehr Input aus den Parlamenten, in denen wir Mandatsträger haben, usw. usf.

    Von dem Umstand, dass ganz viele Menschen mangels Geld und Zeit von einer Teilnahme effektiv ausgeschlossen werden von einer Partei, die sich Inklusion und Postgender auf die Basis schreibt, wollen wir da gar nicht reden.

    Rational betrachtet kommen wir zur Lösung dieses Strukturproblems daher mittelsfristig an der Einrichtung einer virtuellen Beschlussfähigkeit der Basis nicht vorbei. Wenn wir das als Problem erkannt haben, können wir anfangen es zu lösen.

    Das von mir vorgeschlagene Zwei-Kammern-System ist IMO ein tauglicher Kompromiss sowohl im Spannungsfeld zwischen Liquid-Democracy-Befürwortern und -gegnern als auch zwischen Transparenz und Datenschutz. Gerne höre ich aber alternative Lösungsansätze fürs Strukturproblem.

  2. […] ihnen gerade sympathisch erscheint. Darüber wie wir uns tatsächlich verbessern können, habe ich hier ein wenig […]

  3. dingosaar sagt:

    Vieles von dem, was Du in LQFB als Mangel ansprichst, ist genau so in adhocracy realisiert (plus, dort kann man auch Anregungen an die Entwickler geben, die nicht mit „dann wäre es nicht mehr LQFB“ abgelehnt werden – oder einfach mitmachen, Python ist eigentlich nicht kompliziert, zumindest wenn man Objektorientierung und/oder UML versteht).

    Kennst Du adhocracy, und könntest Du vielleicht die Vor- und Nachteile in Deinen Augen kurz erklären?

    Ist sicher nicht das Brooks’sche „Silver Bullet“, aber m.E. weit, WEIT besser als LQFB.

    73
    Dingo

    (Der immer noch der Meinung ist, argtool und Liquid)izer sollten miteinander sprechen lernen…)

  4. […] immer ist nun kurzfristig das Gejammer groß. Statt es ordentlich zu machen und sinnvolle Antragshürden einzuführen waren wir zu dumm dazu und werden wahrscheinlich auch in […]

  5. […] How it’s done – vielleicht 22. April 2012 […]

  6. […] unter “Hohe Antragshürden” ausführlich dargelegt, aber auch schon davor und schon vor längerem darüber […]

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