Was wissen wir über Covid19-Ansteckungsherde? Und was nicht?

Veröffentlicht: 1. November 2020 in Corona

Wir wissen sehr wenig darüber, wo die Covid19-Ansteckungen in Deutschland passieren. Thank you for listening to my TED Talk!

Aber im Ernst: Die Diskussion darüber, wo Ansteckungen stattfinden und wo nicht, bestimmt gerade die politische Debatte. Sie ist wichtig für die Auswahl der richtigen politischen Maßnahmen, für deren Begründung, deren Akzeptanz und deren Verhältnismäßigkeit, auch in Gerichtsentscheidungen. Also wie kommt es, dass so viele Leute darüber reden, wo Ansteckungen stattfinden, und vor allem auch, wo diese angeblich nicht stattfinden, wenn doch so wenig darüber bekannt ist?

Die Datengrundlage für diese Diskussionen wird fast vollständigen aus den Statistiken des RKI entnommen, die die Erkenntnisse der Gesundheitsämter sammeln und aufbereiten. Die Gesundheitsämter bemühen sich die Ansteckungsorte zu identifzieren, schaffen das aber nur relativ selten. Außerdem haben die Gesundheitsämter nur Kenntnisse zu Fällen, die auch entdeckt wurden und einen positiven Labortest haben. Die Diskussionen stützen sich also vor allem auf den roten Bereich hier, der aber nur einen winzigen Teil aller Ansteckungen ausmacht:

Der Anteil der roten Ansteckungen an den grünen Ansteckungen lässt sich genau bestimmen. Insgesamt ist von ca. 25% der diagnostizierten Ansteckungen bekannt, wo diese wahrscheinlich stattgefunden haben (was das RKI bedauerlicherweise erst seit kurzem klar kommuniziert, was bereits zu viel irregeleiteter Meinungsbildung geführt hat). Der Anteil der grünen Ansteckungen an der blauen Gesamtzahl, inklusive Dunkelziffer, ist leider nicht genau bekannt. Hier gibt es lediglich Schätzungen.

Bringt man das RKI-Diagramm der bekannten Ansteckungsorte mit den unbekannten zusammen, ergibt sich schon ein realistischeres Bild darüber, wie wenig man eigentlich weiß. Allerdings bildet diese Grafik dann immer noch nur den grünen Teil der Infektionen ab.

Man sieht hier auch, wie sich der Anteil der erkannten Ansteckungsorte mit der Zeit verändert hat. Die 25%, von denen zur Zeit oft die Rede sind, sind nämlich nur der Durchschnitt über die gesamte Zeit, nicht der aktuelle Wert.

Schwieriger ist die Frage der Dunkelziffer. Die Schätzungen dafür reichen von insgesamt knapp doppelt so vielen Infektionen, wie diagnostiziert, bis zu sechs mal so vielen oder noch mehr. Naturgemäß sind diese Schätzungen alle sehr ungenau. Für eine eigene Schätzung orientiere ich mich nun an der Positivrate der Testungen. Ich rechne relativ Stumpf pro Woche die diagnostizierten Infektionen * die Positivrate * 100. Damit komme ich auf eine Dunkelziffer, die etwas mehr als 4x so hoch ist, wie die Diagnosen. Zusammen läge die Gesamtzahl der Infizierten damit bei ca. 2.200.000, also etwa 2,64% der Bevölkerung. Der Grund für diese Rechnung ist hauptsächlich, weil ich so, wenn ich die Todeszahlen bis heute mit den Diagnosen + Dunkelziffer von bis vor 3 Wochen vergleiche, in etwa auf eine Sterberate von 0,64% komme. Nach allem, was man weiß, ist das wohl ein realistischer Wert, vielleicht sogar etwas hoch. Eine serologische Untersuchung des RKI bei Blutspendern ergab im August einen Anteil von 1,25% mit Antikörpern. Das war noch deutlich vor der zweiten Welle. Eine Verdopplung seitdem scheint plausibel. Mit dieser Methode liegt die Dunkelziffer immer etwas unter der Zahl der Diagnosen, wenn die Positivrate unter 1% liegt. Wenn diese jedoch steigt, ergibt sich schnell ein enormes Dunkelfeld.

Bitte aber beachten, dass die IFR hier keine wirklich seriöse Berechnung der Sterberate ist. Es handelt sich lediglich um einen sehr, sehr groben Überschlag, um die Plausibilität der Dunkelzifferschätzung bewerten zu können.

Ob die Dunkelziffer so ganz genau stimmt, darauf kommt es allerdings gar nicht an. Denn so ungefähr müsste die Grafik des RKI zu den Ansteckungsorten aussehen, wenn sie die Dunkelziffer berücksichtigen würde. Etwas mehr oder weniger Dunkelziffer ändert da nicht viel daran, wie krass wenig wir eigentlich wissen. Die Größenordnung der bekannten Ansteckungsorte liegt wahrscheinlich irgendwo bei 5%. Selbst mit viel gutem Willen kommt man kaum auf 10%. Irgendwas um 90%-95% sind unbekannt.

Diese ganze Diskussion um Ansteckungsorte und Treiber der Pandemie hat einfach zwei riesengroße Haken:

  1. Lange nicht alle Ansteckungen werden überhaupt entdeckt. Unentdeckt Infizierte tragen die Krankheit aber sehr wohl auch selbst weiter. Es ergibt sich hier auch ein sehr unrepräsentatives Ungleichgewicht, denn man findet Infektionen dort, wo man testet, und dort wo man nicht testet, findet man sie nicht. Gestestet wird z.B. bei Symptomen. Dadurch werden Ansteckungen von Älteren viel häufiger gefunden als bei Jüngeren, was sich vor allem in den Zahlen der ersten Welle bemerkbar macht. Im Umkehrschluss haben Jüngere, besonders kleine Kinder, viel seltener Symptome und werden darum wahrscheinlich seltener getestet, wodurch sie unterrepräsentiert sein könnten. Auch wurden z.B. Reiserückkehrer in den Sommerferien vermehrt getestet, wodurch sich wahrscheinlich ein Anstieg beim Ansteckungsort „Übernachtung“ ergab, usw..
  2. Erkannte Ansteckungen können sehr ungleich verteilt auf Ansteckungsorte zurückgeführt werden. Ansteckungen im eigenen Haushalt lassen sich leicht zurückverfolgen und gehen in die Statistik ein. Ansteckungen im ÖPNV z.B. kann man quasi gar nicht nachvollziehen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das eine besonders häufig und das andere besonders selten vorkommt.

Aus den Zahlen des RKI zeigt sich z.B. die Ungleichverteilung der Tests nach Alter. Das ist nicht verwunderlich, da viele Tests wegen Symptomen durchgeführt werden und Ältere häufiger Symptome haben als Jüngere.

Neben den reinen Zahlen ergibt sich auch das Problem der Folgeansteckungen. Eine Ansteckung in einer Bar, die im eigenen Haushalt an 4 weitere Personen weitergegeben wird, sieht in der Statistik so aus, als wären Haushalte viel wichtiger als Bars. Alle 5 Ansteckungen hätten aber in der Bar viel leichter verhindert werden können, als im gemeinsamen Haushalt.

Aus all diesen Gründen führt eine Diskussion, die sich auf die reinen statistischen Zahlen bezieht, nicht so wirklich zum Ziel. Teilbereiche der Gesellschaft können so zwar als grundsätzlich relevant erkannt werden, aber wie groß die Relevanz ist, lässt sich damit ebensowenig sagen, wie dass Ansteckungsorte, die kaum in den Statistiken auftauchen, nicht relevant wären. Irgendwo stecken sich sehr, sehr viele Menschen an und wir wissen nunmal meistens nicht wo das ist. Die Gegenmaßnahmen müssen sich daher auf qualitative Einschätzungen berufen, also darauf, wie riskant ein Kontakt ist (geschlossene Räume, schlechte Belüftung, Nähe, großer Ausstoß von Tröpfchen/Aerosolen, …) und wie häufig diese Kontakte sind. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen und deren Infektionsumfeld bringt uns hier kaum weiter, auch wenn man sich das gerne wünscht, dass es so einfach wäre.

All das muss aber nicht zwangsweise heißen, dass die Daten des RKI alle wertlos sind. Man sollte nur genau wissen, was man alles nicht weiß, damit man aus dem, was man weiß, nicht die falschen Schlüsse zieht.

Man kann daraus z.B. erkennen, wie die Sterbefälle zeitversetzt den Diagnosen in Altenheimen nachfolgen. Das ist jetzt nicht sonderlich überraschend, aber man sieht eben, dass auch das in der zweiten Welle wieder Fahrt aufgenommen hat und es eigentlich schon reichlich spät ist, zu handeln.

Interessanter ist vielleicht der Ablauf bei den Schulen. Dort kann man z.B. gut den Effekt der vorsichtigen Zeit bis zu den Sommerferien und die Sommerferien selbst ablesen. Und außerdem, wie es danach weiterging. Auch interessant in dem Zusammenhang, wo der Erhebungszeitraum der aktuellen Corona-KiTa-Studie (Monatsbericht September) endet, mit dem z.B. Herr Spahn und Frau Giffey beweisen wollen, dass KiTas sicher seien.

Die Gesamtbedeutung von Schulen lässt sich an diesen Zahlen nicht ablesen, denn die Dunkelziffer speziell in Schulen (oder KiTas) ist nicht bekannt. Da in Bayern aber gerade 6x mehr Kinder und Jugendliche gefunden wurden, als bisher diagnostiziert waren, kann man wohl davon ausgehen, dass die Dunkelziffer gerade auch in Schulen recht hoch sein dürfte. Aber selbst die dürftigen Zahlen, zeigen inzwischen einen Trend nach oben.

Niemand kann so genau sagen, ob solche Trends nun etwas zu bedeuten haben, oder im großen Ganzen der Pandemie eigentlich bedeutungslos sind. Der Ausschnitt der Pandemie, den man sich hier anschaut, ist dafür viel zu klein und unrepräsentativ. Aber auch die gegenteilige Betrachtung ist hier unzulässig. Absence of evidence is not evidence of absence, wie man so schön sagt. Sowohl die Annahme, dass Schulen keine große Rolle spielen würden, als auch die Annahme, dass Schulen doch eine sehr große Rolle spielen würden, lassen sich mit den Zahlen des RKI gut vereinbaren. Wenn man es genauer wissen will, wird man wohl gezielte Studien mit Massentests durchführen müssen. Bis dahin sollte man sich lieber am grundsätzlichen Risiko von langen Aufenthalten in geschlossenen Räumen orientieren und versuchen dieses Risiko soweit wie möglich zu drücken.

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