Massenscreening mit Covid19-Antigentests

Veröffentlicht: 25. November 2020 in Corona

Die Slowakei hat es schon gemacht, Südtirol hat es gerade eben gemacht, Liverpool hat es gemacht, der Rest des United Kingdom will es auch machen und Österreich möchte ebenso: Die gesamte Bevölkerung mit Covid19-Antigentests durchtesten.

Die ganze Idee ist vollkommen einleuchtend und absolut nützlich, dennoch bekommt man in Deutschland vor allem listenweise Gegenargumente dazu zu hören (leider auch von Herrn Drosten). Das Problem ist nur: Die Gegenargumente sind alle schlecht. Wirklich alle. Keines davon ist ein Show-Stopper, nichts davon lässt sich nicht lösen, keines ist wirklich ein Argument es sein zu lassen.

Im Wesentlichen sind die Gegenargumente:

  • Freiwilligkeit
  • Verfügbarkeit der Tests
  • Spezifizität der Tests (bzw. False-Positives)
  • Sensitivität der Tests (bzw. False-Negatives)
  • Organisatorischer Aufwand
  • (Mangelnder) Nutzen
  • Kosten

Den Goldstandard für eine Massentestung liefert aus meiner Sicht momentan Südtirol. Dort wollte man auf 536.667 Einwohner 350.000 freiwillig zum Test bitten und hat tatsächlich 356.311 Tests durchgeführt, also ca. 2/3 der Bevölkerung, und 3.476 positive Ergebnisse bekommen, also knapp 1%. In der Slowakei wurde die gesamte Bevölkerung in eine Heimquarantäne geschickt und nur wer einen negativen Test hatte, durfte diese vorzeitig wieder verlassen. In Südtirol waren die Tests dagegen völlig freiwillig. Man konnte bei der Probenabgabe bereits ankreuzen, ob man direkt eine Krankschreibung möchte, wenn der Test positiv ist, was ich sehr nützlich finde.

Gehen wir also mal vom Südtiroler Modell aus und nehmen wir pessimistisch an, dass bei uns nur 50% der Bevölkerung teilnehmen. Eine echte Freiwilligkeit wäre also komplett gegeben.

Da man nicht mal eben 40 Millionen Antigentests kaufen kann, müsste man die ganze Aktion in Teilaktionen zerlegen. Wahrscheinlich wäre es ohnehin sinnvoll zuerst mit einer Pilotregion zu starten, aber generell kann man das Land auch in 4 Teile zu je 20 Millionen Einwohnern aufteilen, also jeweils 10 Millionen Tests. Je nachdem, wie lange die Vorbereitungszeit dauert und im Vergleich dazu die Beschaffungszeit der Tests, kann man das ganze auch straffen oder strecken. Man macht also die Geschwindigkeit von der Verfügbarkeit abhängig und schon lässt sich das machen. Es ist ohnehin sinnvoll, wenn die Personalressourcen deutschlandweit zusammengezogen werden und dann in der 2., 3. und 4. Runde schon Erfahrung haben. So lässt sich auch der organisatorische Aufwand besser bewältigen, spart z.B. Schulungsaufwand ein.

Zur Zuverlässigkeit der Tests sollte man sich am besten ein paar Rechenbeispiele vor Augen führen. Es gibt dabei ein paar Größen, die man nicht genau weiß. Diese sind: Die Teilnehmerquote, die Anzahl der Infizierten in der Bevölkerung, sowie die genaue Spezifizität und die genaue Senstivität der Tests.

Ich halte die Teilnehmerquote bei den Rechnungen mal konstant bei 50%. Ich vergleiche tatsächliche Infiziertenzahlen insgesamt von 0,3%, 0,5% und von 1%, außerdem für jedes Szenario eine Spezifizität von 99% und 99,5% (letzteres entspricht etwa den Herstellerangaben der Tests, die in Südtirol eingesetzt wurden). Die Sensitivität lasse ich überal bei 95%, da sie sowieso nicht so entscheidend ist. Es ergibt sich dadurch folgende sechs Szenarien:

Die Bedenken bei der Spezifizität richten sich vor allem auf die False-Positives, also Personen, die einen positiven Test bekommen haben, in Wirklichkeit aber gar nicht positiv sind. Die Zahl bewegt sich hier zwischen 50.000 und 100.000 (für 1/4 von Deutschland). Es gibt zwei Wege, wie man damit umgehen kann:

  1. Diese Personen kommen einfach auch in ~10 Tage Quarantäne (mit Krankschreibung). Ich würde das ehrlichgesagt für vertretbar halten, denn wir schicken zur Zeit auch Kontaktpersonen von Infizierten in Quarantäne, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass sie infiziert sind, deutlich niedriger ist. Warum soll das hier nun plötzlich ein Problem sein?
  2. Diese Personen bekommen möglichst bald einen PCR-Test. Wie man in der Tabelle sieht, schwanken die Zahlen an positiven Tests zwischen 78.500 und 195.000 (es wären entsprechend mehr bei einer höheren Teilnehmerquote). Das sind selbst im höchsten Fall weniger als unsere PCR-Testkapazitäten von einem einzigen Tag! Diese Tests hätten dann eine Positivrate zwischen ~22% und ~66%, wären also dramatisch viel effizienter als die Tests, die wir bisher durchführen. Es wäre also absolut sinnvoll und problemlos möglich den Positiven einen PCR-Test hinterherzuschieben, um die False-Positives wieder aus der Quarantäne zu entlassen.

Ein sehr schöner Vorteil einer PCR-Freitestung wäre, dass man damit eine Evaluation der Schnelltests gratis dazu bekommt. Das ganze wäre eine nie dagewesene Evaluation der Antigen-Tests, mit dem schönen Nebeneffekt, dass man bei den weiteren Teilaktionen vor allem die Tests nutzen könnte, die dabei am besten abgeschnitten haben. Damit könnte man die Effizienz der 2., 3. und 4. Runde steigern, eventuell sogar schon für alle, wenn man mit einer kleineren Pilotregion startet.

Bemängelt wird auch die Sensitivität. Und es stimmt, die False-Negatives und die Infizierten, die nicht an den Tests teilnehmen, machen zwischen 31.500 und 105.000 Personen aus. Es nicht zu tun bedeutet aber unerkannt Infizierte zwischen 60.000 und 200.000 Personen und ich sehe nicht so ganz, wie das besser sein soll?! Der Anteil an Unerkannten hängt fast vollständig von der Teilnehmerzahl ab. Wenn die Hälfte der Einwohner mitmacht, findet man etwas weniger als die Hälfte aller Infizierten. Das sind zwischen 28.500 und 95.000 unterbrochene Infektionsketten in einem Viertel von Deutschland, bundesweit gesehen am Ende der Aktion also zwischen 114.000 und 380.000 zusätzlich gefundene, üblicherweise hochansteckende Personen, die man isolieren kann. Zusätzlich kann man noch weiteren Nutzen daraus ziehen, indem man z.B. freiwillige Angaben dazu sammelt, wo die Personen zur Zeit Kontakte haben, um Cluster zu identifizieren, wo man nochmal gezielt nachtesten kann, usw.. Das ganze hat damit trotz der nicht erkannten Infizierten einen ganz enormen Wert.

Dieser Wert rechtfertigt auch mehr als locker die entstehenden Kosten. Wenn man mal vereinfachend annimmt, dass man die Hälfte aller Infizierten findet und deswegen niemand von denen jemand ansteckt, würde das die Reproduktionszahl R halbieren. Wir könnten damit also z.B. von R = 1,2 auf R = 0,6 kommen, jedenfalls für kurze Zeit. Schaut man sich die R-Berechnungen des Helmholtz-Zentrums an, sieht man, dass der gesamte Soft-Lockdown vom November weniger gebracht hat als das. Wenn man nach dem 4. Teil der Aktion nicht stehen bleibt, sondern wieder bei den 1. weitermacht, kann man diesen Effekt auch auf längere Zeit hin erreichen. Man kann damit also sogar größere Lockdown-Maßnahmen quasi ersetzen, wodurch eine solche Aktion jeden Kostenvergleich locker gewinnt.

Wie man sieht, bleibt also überhaupt nichts übrig, was gegen eine solche Aktion spricht. Man könnte die ersten Bestellungen für Schnelltests jetzt absetzen und sofort mit der Planung anfangen. Allein es fehlt der Wille.

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